Taktgeber: die Leitthemen der BAU 2021

Sie geben den Takt vor und bringen Ordnung in die Produktvielfalt: die vier Leitthemen der BAU 2021. Viele Aussteller werden ihre Präsentationen danach ausrichten und entsprechende Lösungen anbieten. In den Messeforen werden die Leitthemen unter verschiedenen Aspekten erörtert und diskutiert. Und in den Sonderschauen werden sie anhand von Produkt- und Projektbeispielen veranschaulicht.

Das Bauen ist mitten im digitalen Umbruch. Die damit verbundene Transformation von analogen Denk- und Handlungsszenarien zu qualifizierten digitalen Entscheidungs- und Arbeitsprozessen befördert zahlreiche Optionen und Potenziale. Diese gilt es zu erkennen und zu nutzen. Für das Bauen als kollaborativen Prozess, an dem viele Partner beteiligt sind, bedeutet digitale Transformation vor allem eines: ein offenes Denken in vernetzten Strukturen. Das ist nicht neu, denn Teamwork und partnerschaftlicher Austausch sind seit jeher im Bauprozess verankert. Doch verändern sich die Abläufe, wie in Zukunft geplant, gebaut, betrieben, saniert, rückgebaut oder recycelt wird. Zeitgleich gewinnen die offene Kom­mu­nikation im Projekt und die Relevanz vernetzter Arbeitsabläufe verstärkt an Bedeutung.

Digitale Planungs- und Bauprozesse, die den gesamten Gebäudelebenszyklus fokussieren, stehen für die Zukunft des Bauwesens. Doch ist es nicht das oft zitierte BIM, das als digitale Planungsmethode neue Prozesse im Architektur- und Ingenieurbüro, auf der Baustelle und im Gebäudebetrieb impliziert. Die Nutzbarmachung der Fülle von Daten und Informationen, Checklisten, Fachplanungen, Protokollen und Monitorings, die in einem Projekt entstehen, erfordert neue Wege beim Bauen. Das Potenzial dieser Daten für den gesamten Planungs- und Bauprozess sowie den anschließenden Gebäudebetrieb ist entscheidend. Wir müssen diese Informationen qualifizieren und sinnvoll nutzen lernen.

Neue Wege im Bauen zu beschreiten bedeutet aktuell, analoge Bauabläufe in eine digitale Bauzukunft zu transferieren. Dennoch gilt: Digitale Werkzeuge allein schaffen weder eine bessere Architektur noch bedeuten sie den Verlust von Architekturqualität durch voranschreitende Automatisierung. Es sind lediglich Tools, die dem Architekten, Planer, Fachhandwerker oder Bauherrn bei korrektem Einsatz den Umgang mit der Digitalisierung erleichtern.

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Stand der Wissenschaft sei – so heißt es auf der Website der Munich Re –, dass die vom Menschen erzeugten Emissionen von Treibhausgasen seit Beginn der Industrialisierung zum über­wiegenden Teil den Anstieg der Temperaturen in der Atmosphäre und den Ozeanen verursachen. Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Orkane, Gewitter oder Dürren werden das „Wetter“ der Zukunft sein, es sei denn, es gelingt, die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C gegenüber dem vorindustriellen globalen Temperaturniveau zu begrenzen. Exakt dieses Ziel wurde 2015 im Pariser Klimaabkommen von den Vereinten Nationen festgeschrieben.

Die Baubranche hat zwar in mehr als 20 Jahren viele Innovationen im energieeffizienten Planen und Bauen auf den Weg gebracht, gilt aber nach wie vor als einer der größten Energieverbraucher. 14 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland sollen dem Gebäudesektor entstammen. Es muss also noch mehr getan werden, um zum einen den Energieverbrauch von Gebäuden zu stabilisieren bzw. zu senken, zum anderen müssen Maßnahmen zur Resilienz von Gebäuden durchgeführt werden, die hohe Sach­schäden durch Wetterextreme vermeiden. Einzelne Objekte stehen nicht mehr allein im Fokus der Planungen, sondern auch die Gebäude im Kontext ihrer Umgebung. Sie müssen als energieeffizientes Quartier funktionieren. Der Energie-Überschuss des einen wird mit dem Energie-Defizit des Nachbarn ausgeglichen. Außerdem soll so gespeicherte Energie E-Mobilitäts-Angeboten zur Verfügung gestellt werden. Damit aber nicht genug! Auch die Wahl des Materials spielt eine große Rolle angesichts des enormen Rohstoffverbrauchs. Architekten, Planer und Verarbeiter müssen noch mehr ökologische Verantwortung tragen, um neuartige Kon­struktionen und Werkstoffe aus nachwachsenden und rezyklierbaren Rohstoffen so einzusetzen, dass sie funktional, ästhetisch und ökologisch wertvoll sind. Beim Entwurf sind die Neuen in der Regel immer eine willkommene Inspirationsquelle.

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Wände aus Bauschutt, Dämmung aus altem Hosenstoff und Schraubverbindungen statt Schweißnähten: Auf unseren Baustellen tut sich schon einiges in Sachen „Kreislaufwirtschaft“ – die „Circular Economy“ ist auch im Bauwesen angekommen. Erste Pilotprojekte und Forschungsvorhaben zeigen die vielfältigen Möglichkeiten des Recyclings am Bau: Fassadenmaterial, Fenster, Wand- und Bodenbeläge oder Kabel können so verbaut werden, dass sie wieder komplett demontierbar und damit „kreislauffähig“ sind. Metalle, Beton, Ziegel, Gips oder sogar Lehm lassen sich inzwischen zu neuen Baustoffen aufbereiten.

Dass dies keine Spielereien sind, zeigt ein Blick auf die Statistik. Unsere Bauwirtschaft ist für mehr als die Hälfte des Ressourcenverbrauchs und des Müllaufkommens weltweit verantwortlich. Um die gesellschaftlich gesetzten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, muss zukünftig in allen Bereichen des Bauens, vom Rückbau über das Bauen im Bestand bis hin zum Neubau, umgedacht werden – weg von der Einwegmentalität, hin zur Wiederverwertbarkeit. (Dies gilt übrigens auch für die Abfallvermeidung auf der Baustelle!)

Mit Blick auf die knapper werdenden Ressourcen (Beispiel: Sand) und die begrenzten Kapazitäten von Bauschuttdeponien wird klar, dass die Kreislaufwirtschaft am Bau auch wirtschaftlich vorteilhaft ist. Darüber hinaus trüge die – im Idealfall lokale bzw. regionale – Wiederverwertung von Baustoffen dazu bei, dass der hohe Energieverbrauch für Förderung und Produktion sowie für den Transport zur Baustelle erheblich reduziert werden kann.

Umdenken und neue, ressourcenschonende Lösungen finden müssen Hersteller, Architekten und Ingenieure ebenso wie die Verarbeiter aus Handwerk und Baugewerbe. Das mag nicht immer leichtfallen, doch die ersten Recycling-Projekte zeigen: Hier bieten sich für alle am Bau Beteiligten auch große Chancen und Wett­bewerbsvorteile.

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Qualitätsvoller und dennoch kostengünstiger Wohnraum ist längst eine Utopie in Metropolen wie Berlin, Hamburg, Frankfurt, Köln, Stuttgart und München. Gleichzeitig sehen viele deutsche Städte mit gewachsener Infrastruktur und robustem Gebäudebestand einer ungewissen Zukunft entgegen: hohe Leerstandsquoten in Halle, Frankfurt (Oder), Salzgitter, massive Abwanderungsten­denzen aus Regionen wie dem Saarland, der Uckermark und dem Ruhrgebiet. Wie sollen wir also reagieren, wenn einerseits in vielen Orten Wohnraum fehlt und andererseits wertvoller Gebäudebestand auf lange Sicht ungenutzt bleibt oder sogar verfällt?

Die Bundesregierung hat sich mit der Wohnraumoffensive das Ziel gesteckt, bis Ende 2021 1,5 Mio. neue Wohnungen und 100.000 Sozialwohnungen zu schaffen. Staatlich geförderte Wohnungsbaumaßnahmen sind ohne Frage wichtige Impulse in einem aktuell überhitzten, indifferenten Wohnungsmarkt. Doch dürfen sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass gesellschaftliche oder globale Entwicklungen wie Digitalisierung und Energiewende unsere Lebens- und Arbeitswelt schon heute nachhaltig verändern.

Neue Konzepte sind daher dringend nötig, die Verstädterung und Landflucht, Wohnraummangel und Wohnungsleerstand reflektieren und darauf zukunftstauglich reagieren: Flexible Clusterwohnungen, die den unterschiedlichen Lebensentwürfen der Menschen und ihren verschiedenen Lebensphasen Rechnung tragen, entstehen bereits. Wohnmodelle, die Gemeinschaft ermöglichen sowie Partizipation und Privatheit zulassen, sind längst etabliert. Und die ressourcenschonende Nachverdichtung mit Wohnraum auf Parkdecks, Dächern von Einkaufsmärkten oder in umgenutzten Bürogebäuden wird bereits realisiert.

Doch Wohnen, Leben, Miteinander in den kommenden Jahrzehnten erfordern weit mehr als pointierte Aktionen mit Vorbildcharakter. Aktuell gehen wir bereits erste Schritte ins digitale Morgen, das nach neuen Qualitäten verlangt: Stadt, Dorf und Region werden enger verwoben, Individualverkehr und Massenmobilität neu gedacht und Arbeitsprozesse sind zu entwickeln, die dezentrale und ortsungebundene Tätigkeiten ermöglichen.

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Sonderthema

Die Baubranche nach Corona – wie geht es weiter? Mehr dazu im BAU MAG 03 (Ausgabe September 2020)


Veröffentlicht am 20. April 2020