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Zurück in die Zukunft? Lowtech-Strategien für das Bauen im 21. Jahrhundert

„Simplexity“ steht für den Einsatz von „Hightech“-Baumaterialien als Voraussetzung für den „Lowtech“-Einsatz derselben. Der Grat zwischen Technisierung und Simplifizierung ist schmal, doch ermöglicht die Digitalisierung eine vorausblickende Planung, bei der das Für und Wider beider Seiten bereits in der Planung abgewogen werden kann. Wie das funktioniert, sagen uns die Experten in einer Diskussionsrunde zum Thema, zusammengefasst von unserem Autor Tim Westphal.

Abseits ideologischer Muster, die hinter den Gesellschaftsexkursen des 20. Jahrhunderts (Kapitalismus und Sozialismus) stecken, stellt sich uns akut die Frage: Was kommt mit der Postwachstumsökonomie, die sich für die nächsten Jahre und global abzeichnet? Und welche Auswirkungen hat dies auf unser Zusammenleben, die Architektur und den Stadtraum? Diesen Herausforderungen stellt sich Andrea Vetter, Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V., im Rahmen ihrer Arbeit und Forschung. In ihrem Impulsvortrag „Konviviale Technik“ zeigte sie auf, dass eine Gesellschaft abseits programmatischer Ideologien auf komplett neue Werkzeuge, auf Partizipation und ein neues Gemeinschaftswesen angewiesen ist. Sie fasst die notwendigen Werkzeuge als konviviale Tools zusammen und erdenkt in der Stadt der Zukunft eine konviviale Stadt – im Sinne eines lebenswerten, lebensbejahenden Ortes, der neue Qualitäten bietet. Im Vortrag stellte sie auch die Frage nach der Angemessenheit komplexer, hochtechnisierter Architektur. Andrea Vetter machte eindringlich deutlich, dass wir mit dem Bauen stets angemessen reagieren sollen. Das gilt vor allem für den technischen Aufwand, die Nachhaltigkeit sowie Resilienz unserer (Stadt-)Architekturen.


Lowtech-Systeme im Bauen bedeuten keineswegs einen Rückschritt. Im Gegenteil, wie Prof. Eike Roswag-Klinge, TU Berlin, Natural Building Lab / ZRS Architekt in seinem Impulsvortrag „Hülle schlägt Technik – Robustes Bauen mit Naturbaustoffen“ verdeutlichte. Wenn wir in Zukunft das Bauen ressourcenschonender sowie nachhaltiger gestalten wollen, müssen wir auf intelligente Materialien und Systeme setzen, die wertvolle sowie seltene Rohstoffe schonen und auf einen hohen Wiederverwendungs- und Recyclingnutzen abzielen. Dazu forscht er u.a. beim Projekt (H)House, einem Forschungsvorhaben der EU, das sich einem gesunden Raumklima dank innovativer Materialien und Konstruktionen widmet. Zwei Werkstoffe, auf die er im Vortrag immer wieder verwies, sind Lehm und Holz. Sie sind auch die Grundwerkstoffe für ein klimaaktives Bausystem sowie eine klimaaktive Gebäudehülle aus Lehm und Holz, die bereits in ersten Projekten ihre Anwendung finden.


Mit einem Projekt sozusagen in „eigener Sache“, als Bau für den Bund, schlossen Julian Weyer und Constantin Mercier, CF Møller Architekten, nahtlos an ihre Vorredner an. In ihrem Impulsvortrag „Wettbewerb Erweiterungsbau BMU“ stellten sie ihren Gewinnerentwurf und dessen Besonderheiten heraus. Auch in diesem Projekt geht es um einfache Antworten auf kompexe technische Herausforderungen. Das Ziel sind dabei Gebäudequalitäten, die vor allem durch die Rückbesinnung auf architektonische und gestalterische Lösungen im Sinne einer Simplexität entstehen. Für das seit über 100 Jahren erfolgreiche Architekturbüro gelten bis heute simple Grundregeln, die immer wieder Anwendung auf die Architektur finden. Beim Projekt Erweiterungsbau BMU für das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit kommen eine Vielzahl von Punkten zusammen. So sind es das standortbezogenene Design, ein ausgeklügeltes Energiekonzept, das u.a. auf eine Mehrfachnutzung von notwendiger technischer Anlagen setzt sowie eine umfassende Variantenbetrachtung im Vorfeld der Ausführungsplanung – also zu schauen, was im Projekt mit welchem Aufbau möglichst einfach technisch umzusetzen ist. Hinzu kommt bei der Gebäudeentwickung ein langfristige Vorausblick bis zum Jahr 2045, für das u.a. umfassende Simulationen und Berechnungen der Sonnentage bei sich verändernden klimatischen Bedingungen einbezogen sind. Ihr Fazit: Low-Tech ist keineswegs weniger komplex als High-Tech.


In der abschließenden Diskussionsrunde, die vom versierten Bauwelt-Redakteur Jan Friedrich moderiert wurde, wurde deutlich: hochtechnisierte Gebäude sind nicht die Zukunft unserer Architektur. Vielmehr müssen stets individuelle Entwurfsentscheidungen getroffen werden, um zu entscheiden, ob aufwendige technische Systeme und komplizierte Betriebsprozesse nötig sind – oder eher dem Einsatz von Low-Tech-Varianten sinnvoll ist. Die Energieeinsparung im Gebäudesektor, darin waren sich alle Teilnehmer einig, bleibt die große Herausforderung in Herstellung und Betrieb. Allerdings müssen Aufwand, Kosten und Nutzen der Energieeinsparung und effizienter Betrieb stets überprüft werden. Denn Energie und Ressourcen werden mit einer einfachen, resilienten Architektur ebenso geschont, denn sie lässt sich den verändernden Anforderungen über die gesamte Standzeit des Bauwerks flexibel anpassen.

von Tim Westphal

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