Umbau mit Rücksicht und Respekt

Interview mit Thomas Steimle und Michael Bohner

Um den Charakter eines früher landwirtschaftlich genutzten Stadels in Kressbronn zu bewahren und so dem baulichen Erbe an diesem Ort mit Rücksicht und Respekt zu begegnen, haben Steimle Architekten aus Stuttgart möglichst wenige, wohldurchdachte Eingriffe vorgenommen und so den Bestand behutsam verändert. Die filigrane Konstruktion des weit auskragenden Dachs bzw. Tennengeschosses wurde aufwändig wiederverwendet und für die zukünftige Nutzung eingestellt. Der von Bohner Bau aus Tettnang gefertigte Betonsockel, der als Basis das Erdgeschoss bildet, besteht aus homogenem Dämmbeton.

Die Qualität Ihres Projekts „Bibliothek in Kressbronn“ basiert nicht zuletzt auf der guten Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden, Architekt und Verarbeiter. Was hat sie ausgemacht bzw. geprägt?

Thomas Steimle: Selbstverständlich hatten wir als Planer bereits im Entwurfsprozess eine genaue Vorstellung von der gewünschten Beschaffenheit und Wirkung der Betonbauteile. Besonders hier zeigte sich die Firma Bohner sehr kooperativ, zielstrebig und engagiert, das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Die Verarbeitung des doch recht neuen und für viele Bauunternehmen noch unbekannten Materials Dämmbeton stellte eine besondere Herausforderung dar. Eine enge Zusammenarbeit war gefragt. Nicht zuletzt konnten wir mit unserer Erfahrung aus einem bereits in Dämmbeton realisierten Projekt die Firma Bohner unterstützen und passende Kontakte zu beratenden Partnern herstellen. Die Offenheit, sich auf dieses erst einmal noch unbekannte Terrain zu begeben und an der Lösung kniffliger Details konstruktiv mitzuarbeiten, war entscheidend für die gute Zusammenarbeit.

Michael Bohner: Die Schnittstelle zwischen Planung und Ausführung war bei diesem Projekt beispielhaft. Maßgebende Faktor war in erster Linie, die bestmögliche Qualität zu erzielen, statt – wie allzu oft – die Baukosten niedrig zu halten und eng gesteckten Zeitplänen zu folgen. Prägend für unsere Zusammenarbeiten waren sicherlich die regelmäßigen und ausführlichen Baubesprechnungen, in denen auch schon vor Baubeginn viele Details besprochen und Lösungsansätze gefunden werden konnten.

Hatten Sie zuvor bereits zusammengearbeitet bzw. wie kam Ihre Kooperation bei diesem Projekt zustande?

Thomas Steimle: Es gab zuvor noch tatsächlich keine Gelegenheit einer Zusammenarbeit. Die Firma Bohner qualifizierte sich ganz regulär über das Ausschreibungsverfahren für das Gewerk Rohbauarbeiten und konnte somit den Rohbau der von uns geplanten Baumaßnahme umsetzen. Rückblickend aber sind wir froh, dass die Leistungen des doch anspruchsvollen Rohbaus an ein sehr qualifiziertes ortsansässiges Bauunternehmen vergeben wurde.

Michael Bohner: Nein, wir hatten vorher noch nie zusammengearbeitet. Als regionales, ortsansässiges Hochbauunternehmen haben wir uns bei einer öffentlichen Ausschreibung durch die Gemeinde Kressbronn beteiligt und schließlich den Zuschlag für dieses Projekt erhalten.

Erzählen Sie uns bitte eine kleine/kurze Anekdote aus Ihrer gemeinsamen Zeit am Kressbronner Projekt.

Thomas Steimle: Zum ersten Bemusterungstermin für die Betonaußenwände des Sockelgeschosses empfing uns die Bauherrschaft und die Firma Bohner mit betrübter Stimmung. Große Enttäuschung über das erzielte Erscheinungsbild der zuerst glatt geschalten Betonoberflächen war aus ihren Gesichtern zu lesen. Unsere Architektenaugen jedoch begannen sichtlich zu strahlen über das Ergebnis: eine leicht gelblich schimmernde, „rotzige“ Betonoberfläche, die den Vorstellungen für das Kressbronner Büchereiprojekt natürlich nicht entsprach – aber für uns als perfektes Muster für das parallel laufende Projekt des Rathausneubaus in Remchingen diente.

Herr Steimle, mit welchen Vorstellungen einer Entwurfsidee bzw. eines Details gehen Sie meist auf den Verarbeiter zu?

Thomas Steimle: In der Regel ist unsere Planung zum Zeitpunkt der Einbeziehung der Verarbeiter bereits weit fortgeschritten, sodass das gewünschte Ergebnis über die Planung und Ausschreibung klar definiert ist. Selbstverständlich ist es uns wichtig, dem Verarbeiter unsere Vorstellungen der gewünschten Ausführung so vermitteln zu können, dass sie gut verständlich sind und der Verarbeiter sich anhand der Planung und zusätzlichen Abstimmungsgesprächen außerdem ein genaues Bild vom gewünschten Endergebnis machen kann.

Welche Eigenschaften sind Ihnen bei einem Verarbeiter für Ihre Projektarbeit wichtig?

Thomas Steimle: Das gegenseitige Vertrauen steht an oberster Stelle. Der Blick über das eigene Gewerk hinaus für das Projekt in seiner Gänze spielt eine wichtige Rolle für eine reibungslose Abwicklung einer Bauaufgabe. Offenheit für Neues sowie die Annahme unkonventioneller Aufgaben als Herausforderung können die Zusammenarbeit befruchten und positiv zum Gelingen beitragen.

Bis zu welchem Punkt im Entwurfs- und Planungsprozess darf es für die Machbarkeit bzw. Umsetzbarkeit einer architektonischen Idee Ihrer Meinung nach keine „Grenzen“ geben, etwa durch vordefinierte Standardprodukte?

Thomas Steimle: Innerhalb des Entwurfs- und Planungsprozesses werden die Grenzen der Machbarkeit immer wieder neu ausgelotet. Die Entscheidungsfindung für die Umsetzung architektonischer Ideen wird von vielen Faktoren bestimmt. Das architektonische Ideal misst sich in den meisten Fällen mit der Wirtschaftlichkeit. Ziel sollte es daher immer sein, empfundene Grenzen als Motor für das Entstehen guter Architektur zu verstehen.

Herr Bohner, zu welchen Zeitpunkt der Planung werden Sie normalerweise zu einem Projekt hinzugezogen bzw. was wäre für Sie der Idealfall?

Michael Bohner: Da es sich bei der Bücherei um ein öffentliches Bauvorhaben handelte, wurde der Auftrag von der Gemeinde auch entsprechend ausgeschrieben und vergeben. Zwischen Zuschlag und Baubeginn ist meist nicht viel Luft - daher wird man als Auftragnehmer leider oft sehr spät hinzugezogen.

Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Architekten und der Zusammenarbeit mit ihnen?

Michael Bohner: Für eine reibungslose Umsetzung und Koordination der vielen beteiligten Gewerke ist eine offene und transparente Kommunikation „auf Augenhöhe“ von entscheidender Wichtigkeit. Unklarheiten sollten persönlich und ohne Umwege geklärt werden. Weitere wichtige Parameter bei der Zusammenarbeit sind Geduld, Entscheidungsfreude und hinsichtlich der baulichen Anforderungen ein realistischer Bauzeiten-Plan.

Wie reagiert das Gebäude der Bibliothek in Kressbronn auf aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen?

Thomas Steimle: Der Bücherei in Kressbronn am Bodensee lässt sich wegen der Besonderheit ihrer Entstehung aus der Umnutzung eines historischen Stadels keine aktuellen Tendenzen zuschreiben. Das Gebäude ist daher außergewöhnlich, seine Gestaltung abgestimmt auf das Vorgefundene. Dieser Charakter wurde einfach fortgeschrieben.

Wie werden in dem Projekt der Umgang mit den Ressourcen und das Thema Recycling behandelt?

Thomas Steimle: Die vorhandene Holzkonstruktion des Tennengeschosses und des Dachstuhls wurde rückgebaut, kartiert, für die zukünftige Nutzung eingestellt und wieder über dem neuen Betonsockel errichtet. Die Holzlamellenfassade besteht aus heimischen Hölzern. Der Dämmbeton als monolithischer, mineralischer Baustoff und die Hölzer gewährleisten einen wenig aufwendigen Rückbau sowie ein unkompliziertes Recycling.

Was war die besondere Bauaufgabe und welche spezifische Lösung haben Sie dafür gefunden?

Michael Bohner: Eine besondere Aufgabe war sicherlich die Verarbeitung des Dämmbetons und die Herstellung der teils über 7,00 m langen Fensterbrüstungen. Nach einigen Modell-Versuchen war die Lösung letztendlich, die gesamten Außenwände in zwei Abschnitten zu schalen und zu betonieren. Die Arbeitsschritte wurden also zuerst bis zur Brüstungshöhe ausgeführt. In einem zweiten Arbeitsgang wurden dann die aufgehenden Wände bis zum Deckenauflager fertiggestellt.

Thomas Steimle: Für die Gemeinde Kressbronn am Bodensee als Auftraggeber war es sehr wichtig, den Charakter des historischen Stadels zu erhalten und somit seine Geschichte zu bewahren aber auch seine Präsenz im Zentrum der Gemeinde zu stärken. Hierfür wurde aus der vorgefundenen lückenhaften, geschlossenen Holzverkleidung eine besondere Lamellenstruktur entwickelt. Die Lamellen sind in ihrer Vertikalachse unterschiedlich gedreht, so dass dadurch ein unterschiedlicher Lichteinfall in das Bibliotheksgeschoss produziert wird.

Welche Veränderung hat das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk erfahren?

Thomas Steimle: Ursprünglich war geplant, den Sockel aus grobem Mauerwerk und Beton größtenteils zu erhalten. Zu Baubeginn hat sich jedoch schnell herausgestellt, dass seine Substanz schlechter war als erwartet und durch den massiven Sockel aus Dämmbeton ersetzt werden musste. Dies war dem gesamten Projekt durchaus zuträglich – was sich zwischenzeitlich in zahlreichen Auszeichnungen und Veröffentlichungen widerspiegelt.

Welche Besonderheiten gab es beim Bau vor Ort?

Michael Bohner: Mit Beginn der Erd- und Erschließungsarbeiten war die Bücherei eine Baustelle ohne jegliche Besonderheiten. Als wir dann jedoch parallel zu den Gründungsarbeiten die erste Dämmbeton-Musterwand realmaßstäblich geschalt und betoniert hatten, wurde klar, dass es hier noch ein paar Stellschrauben zu drehen gab. Die zweite Musterwand mit modifizierter Betonrezeptur und entsprechender Betonage brachte dann zwar ein zufriedenstellendes Ergebnis, aber doch noch nicht genug Sicherheit, um auf das ganze Gebäude angewendet zu werden. Deshalb haben wir eine dritte Musterfläche eingeschalt, und diese führte schließlich zu einem Ergebnis, das auf das Bauwerk übertragen werden konnte und nicht zuletzt zu der überzeugenden Homogenität der Sichtbetonflächen führte.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Steimle und Herr Bohner.