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Zukunft mit Herkunft

An der Hauptstraße in Berlin Schöneberg wurde das historische Postgelände nach den Konzeptionen der Architekten GRAFT revitalisiert. Sie erweiterten es um zwei Neubauten und aktivierten die Dächer für gewerbliche Nutzungen. So entstand auf 32.000 m² ein modernes, der Öffentlichkeit zugängliches Mixed-Use-Ensemble mit Wohnungen, Büros, Restaurants und Geschäften.

Das Gebiet rund um den Gebäudekomplex gehört zu den beliebtesten Wohngegenden der Stadt mit zahlreichen Restaurants, Geschäften sowie Grünflächen. Die Hauptstraße verbindet den Berliner Südwesten mit dem Zentrum der Stadt und ist entsprechend stark frequentiert.

Die denkmalgeschützten Gebäude des Postgeländes zeichnen sich durch ihren jeweiligen individuellen Charakter aus, der aus der Entstehung der Gebäude in verschiedenen Jahrzehnten resultiert. Sie verteilen sich auf rund 11.700 m² und gliedern die Fläche in mehrere Innenhöfe, deren ursprünglicher Gewerbehof-Charakter noch immer spürbar ist. Zusätzliche Fenster in den bis dato ungenutzten Dächern verleihen den Gewerbeeinheiten ihre behagliche Atmosphäre. Alle Gewerbeeinheiten sind barrierefrei.

Um sich in das bestehende Ensemble einzufügen, erhielten auch die Neubauten Ziegelfassaden, sodass die Tradition der denkmalgeschützten Flächen durch die Revitalisierung behutsam aufgenommen und fortgeführt wird. In Anlehnung an die historischen Hofdurchfahrten erhielt das Gebäude einen großzügigen Durchgang von der Hauptstraße in den Hof. Mit modernsten technischen Hilfsmitteln wurden hier Ziegel und Geometrie, Denkmal und die parametrischen Entwurfsstrategien des 21. Jahrhundert gestalterisch zusammengeführt.

Interview

Ein TANDEM ist normalerweise ein Mobil für zwei. Um die beeindruckende Realisierung des Projekts BRICKS Berlin Schöneberg by GRAFT angemessen zu würdigen, haben wir drei Projektpartner interviewt: Architekten, Hersteller und Verarbeiter. Ein TRIDEM!

Aus der Kooperation zwischen Ihnen dreien ist ein sehr spannendes Gebäude entstanden. Das Ergebnis einer guten Verknüpfung zwischen Architekt, Verarbeiter und Hersteller. Was hat Ihre Zusammenarbeit ausgemacht?

Thomas Willemeit (GRAFT): Bockhorn als Klinker-Lieferant hat unsere Vision vom ersten Kontakt bis zum Ende des Projektes unterstützt. Die effektive Kommunikation und die schnelle Umsetzung von Anfragen haben zum Erfolg des Projektes beigetragen.

Ernst Buchow (Privatziegelei Bockhorn): Zwischen dem Projektleiter von Graft, Herrn Rümmele, und unserem Fachberater hat sich sehr schnell ein konstruktives Miteinander ergeben. Die Entwicklungsarbeit für die keramischen Herausforderungen war fachlich fundiert und führte durch den guten Austausch der Beteiligten am Ende zu diesem außergewöhnlichen Ergebnis.

Guido Janhsen (Janhsen Bau): Wir als Handwerksunternehmen hatten häufig den Eindruck, dass uns eine solche Klinkerfassade nicht zugetraut wurde. Aber wir haben unsere Fähigkeiten bewiesen und die Vorstellungen des Bauherren und der Architekten umgesetzt.

Haben Sie zuvor bereits bei einem Projekt zusammengearbeitet bzw. wie kam Ihre Kooperation bei diesem Projekt zustande?

Thomas Willemeit: Wir sind auf die Privatziegelei Bockhorn im Rahmen einer Recherche für einen Masterplan für ein neues Wohngebiet in Caputh aufmerksam geworden. Beim Projekt Bricks haben wir uns dann für Bockhorn aufgrund eines konkreten mit dem Denkmalschutz abgestimmten Steines und den technischen Möglichkeiten in der Umsetzung entschieden.

Ernst Buchow: Auf der Suche nach dem “richtigen” Material für die Fassade sind die Architekten bei uns gelandet. Die Aufgabe wurde an einen Fachberater der Ziegelei übertragen, der dann das gesamte Projekt von der Planung bis zur Ausführung betreut hat.

Guido Janhsen: Bei uns entstand der Kontakt zu GRAFT über den Bauherren. Er kannte unser Unternehmen durch vorangegangene Projekte mit Verblendmauerwerk.

Erzählen Sie uns bitte eine Anekdote aus Ihrer Zusammenarbeit.

Ernst Buchow: Uns verband die Idee, gemeinsam dabei zuzusehen, wenn das Gerüst abgebaut wird, um dann die Fassade in der beeindruckenden Flächenwirkung gemeinsam wahrzunehmen.

Herr Willemeit, mit welchen Vorstellungen einer Entwurfsidee bzw. eines Details gehen Sie auf den Verarbeiter/Hersteller zu?

Thomas Willemeit: Im Fall von Bricks brauchten wir einen Hersteller, der uns einen Vormauerklinker, daraus geschnittene Riemchen und das nötige Know-how zur Errichtung von bewitterten „Mauerkornen“ zur Verfügung stellen konnte. Gleichzeitig waren wir auf der Suche nach einem Stein, der die Geschichte des Gesamtareals erfolgreich ins 21. Jahrhundert weiterschreibt.

Copyright Bilder: Bttr GmbH

Welche Eigenschaften sind Ihnen bei einem Verarbeiter bzw. Hersteller für Ihre Projekte wichtig?

Thomas Willemeit: Wir mögen es, wenn Hersteller und Verarbeiter mit uns gemeinsam an die Grenzen des technisch Möglichen und darüber hinaus gehen. Wenn man einen solchen Weg gemeinsam beschreitet, braucht man verbindliche Partner, die unsere Vision zu ihrer eigenen machen und Lust darauf haben, etwas Neues auszuprobieren.

Bis zu welchem Punkt im Planungsprozess darf es für die Machbarkeit bzw. Umsetzbarkeit einer Idee Ihrer Meinung nach keine Grenzen geben?

Thomas Willemeit: Grenzen sind da, um sie zu überwinden. Im Entwurfsprozess müssen wir dafür nur den richtigen Weg finden. Dabei brauchen wir sehr gute Hersteller und Handwerker, die diesen Weg mit uns gehen und kreative technische Lösungen mit uns gemeinsam entwickeln.

Zu welchen Zeitpunkt der Planung werden Sie normalerweise zu einem Projekt hinzugezogen bzw. was wäre für Sie der Idealfall?

Guido Janhsen: Wir werden eigentlich erst dann hinzugezogen, wenn alles schon entschieden ist. Inzwischen werden wir jedoch immer öfter aufgrund unserer Erfahrung zu den ersten Planungsphasen hinzugezogen.

Ernst Buchow: Je früher wir beratend in die Planungsphase eintreten können, desto intensiver können wir gemeinsam mit dem Planer die machbaren Möglichkeiten ausloten. Bei manchen Projekten sind wir zwei bis drei Jahre vor dem eigentlichen Baustart dabei.

Mit welchen Vorstellungen kommen Architekten normalerweise zu Ihnen? Wie oft sind Ideen dabei, die als Sonderfall gelöst werden müssen?

Guido Janhsen: Häufig sollen wir zu erwartende Kosten schätzen. Aber wir werden auch sehr viel nach unserer Einschätzung von Bauabläufen und technischen Möglichkeiten gefragt.

Ernst Buchow: Bei uns gilt das Motto: Nicht die Großen schlagen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen. Kurze Entscheidungswege zwischen Vertrieb und Technik helfen dabei. Im Rahmen des technisch machbaren realiseren wir gerne die besondern Anforderungen.

Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Architekten?

Ernst Buchow: Planer, die Backsteinfassaden bauen, haben immer den Fokus auf Nachhaltigkeit. Mit dem Einsatz dieses sehr traditionellen aber immer wieder jungen Baustoffes werden Bauwerke geschaffen, die Generationen überdauern. Dabei sind diese Bauten in heutiger Zeit selten altbacken. Die Investion mag zunächst etwas höher sein, gelingt es dem Architekten seinen Auftraggeber von der nachhaltigen Wirtschaftlichkeit und Schönheit von Klinkermauerwerk zu überzeugen, ist ganze Arbeit geleistet.

Wie reagiert das Gebäude auf verschiedene Rahmenbedingungen?

Thomas Willemeit: Mit den beiden Lückenschließungen an der Belziger und der Hauptstraße ist auf dem ehemalige Postgelände ein neues, öffentliches Quartier zum Wohnen und Arbeiten entstanden, das von einem gastronomischen Angebot, Freizeiteinrichtungen und Flächen für Bildungseinrichtungen abgerundet wird. Für die Bewohner stehen zusätzlich Gemeinschafts-Dachterrassen zur Verfügung.

Guido Janhsen: In der Bauphase und nach Fertigstellung wurden wir sehr oft von Passanten auf dem Gehweg angesprochen. Es gab begeisterte Äußerungen, aber manchmal auch “neidische” Kommentare. Eine solche Fassade provoziert eben.

Ernst Buchow: Bekanntlich ist eine “ordentliche” Backsteinfassade das einzige Gewerk, das in einem Häuserleben nicht erneuert wird. Fassaden prägen Stadt und Landschaftsbilder und beeinflussen maßgeblich die Gestaltung des öffentlichen Raumes.

Copyright Bilder: Bttr GmbH (ausgenommen mittleres Bild: © Trockland Management GmbH)

Was war die Bauaufgabe und welche spezifische Lösung haben Sie gefunden?

Thomas Willemeit: Das Areal verfügt über eine reichhaltige Geschichte und spielgelt die Entwicklung der Backsteinarchitektur der letzten 150 Jahre wieder. GRAFT beschäftigte sich schon seit 2014 mit dem Gelände. Wir haben dort den denkmalgeschützten Bestand schrittweise revitalisiert und für Büro- und Gewerbenutzungen umgebaut. An der Hauptstraße und der Belziger Straße galt es, zwei Baulücken zu schließen. Dabei sollte das Gelände selbst für die Öffentlichkeit zugänglich und als Durchgang zwischen beiden Straßen offen bleiben. Die beiden Neubauten nehmen die Tradition der denkmalgeschützten Backsteinbauten auf und führen sie in ihrer eigenen modernen Formsprache fort.

Guido Janhsen: Die Realisierung der Klinkerfassade erforderte sehr viel Vorbereitung, um die Fertigteile für den Eingangsbereich zu erstellen. Die Umsetzung der 3D-Zeichnungen in eine Schalung und das Auslegen der Klinker erforderte ebenfalls viel Kraft.

Ernst Buchow: Zwischen den konventinell gemauerten Klinkerwandflächen und den Elementen mit Klinkerriemchen waren Farbunterschiede tabu. Als Hersteller, der neben klassischen Klinkern auch Backsteinriemchen produziert, konnten wir diese Aufgabe gut lösen. Gefragt waren Klinker mit sehr geringer Wasseraufnahme als ungelochte Vollsteine, eine Disziplin, die wir seit Generationen beherrschen.

Welche Veränderung hat das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk erfahren?

Thomas Willemeit: Wir hatten den Eingang an der Hauptstraße ursprünglich als offenen Durchgang geplant. Leider erhielt er im Laufe des Prozesses eine Glastür. Der parametrische Entwurf wurde dadurch glücklicherweise nicht beeinträchtigt.

Guido Janhsen: Die Klinkerfassade wurde exakt so erstellt, wie sie GRAFT geplant hatten.

Was war bei der Montage vor Ort besonders zu beachten?

Thomas Willemeit: Der Übergang der gekrümmten Flächen im Eingangsbereich der Hauptstraße war wohl die größte Herausforderung. Die Handwerker mussten den Übergang zwischen der händisch auf Konsolen ruhenden Klinker Vorsatzschale und den aufgehängten Fertigteilen sehr präzise herstellen. In unserem parametrischen 3D-Modell konnten wir im Laufe des Planungsprozesses mit den Angaben des Herstellers die Geometrie so optimieren, dass diese beiden Bauteile perfekt aufeinander abgestimmt werden konnten.

Guido Janhsen: Dieses Projekt war wegen der besonderen Bauweise Neuland für alle. Der verwendete Stein war aber ideal dafür.

Herzlichen Dank, Herr Willemeit, Herr Buchow und Herr Janhsen, für das Gespräch.

Copyright Zeichnungen: GRAFT GmbH

Veröffentlicht: 07. Dezember 2020

Das Interview führte: Melanie Schlegel, freie Redakteurin und Autorin, im Auftrag von World-Architects.com.