Die Grenzen der Bauproduktivität

Ein Mann mit Helm und neongelber Warnjacke steht auf einer Baustelle, hält ein Tablet in der Hand, auf dem ein Bauplan zu sehen ist.

Fachkräftemangel, steigende Materialkosten und der Druck, schneller und nachhaltiger zu bauen, lenken die Aufmerksamkeit auf die Produktivität der Bauwirtschaft. Der aktuelle RICS Construction Productivity Report zeigt: Die größten Defizite liegen weniger in fehlender Technologie als in Strukturen, Prozessen und qualifizierten Arbeitskräften.

Bauwirtschaft zwischen Wachstumsdruck und Produktivitätskrise

Die Anforderungen an die Bauwirtschaft wachsen seit Jahren. Es fehlen Wohnungen, die Infrastruktur muss modernisiert werden und gleichzeitig steigen die Erwartungen an Klimaschutz, Geschwindigkeit und Kostenkontrolle. Doch ausgerechnet die Produktivität der Branche entwickelt sich seit Jahren kaum. Laut einer im Report zitierten McKinsey-Analyse ist die globale Bauproduktivität zwischen 2000 und 2022 lediglich um durchschnittlich 0,4 Prozent pro Jahr gewachsen, die Gesamtwirtschaft dagegen um rund zwei Prozent jährlich. Gleichzeitig dürfte das globale Bauvolumen von 13 Billionen US-Dollar im Jahr 2023 auf 22 Billionen US-Dollar bis 2040 steigen. Der Druck auf die Branche wächst damit erheblich.

Baustelle
© Julian Guttzeit / unsplash

Hinzu kommt, dass die Produktivität im Bauwesen oft nicht einmal einheitlich erfasst wird. Laut RICS existiert weltweit keine dominante Definition von Produktivität. Benchmarking wird nur von fünf bis 16 Prozent der Unternehmen genutzt und in Großbritannien misst jede fünfte Firma die Produktivität überhaupt nicht systematisch. Zwar versuchen viele Unternehmen, ihre Abläufe effizienter zu organisieren. Vergleichbare Standards oder gemeinsame Messgrößen fehlen jedoch häufig. Gleichzeitig verschärft sich der wirtschaftliche Druck deutlich. Der aktuelle „Global Construction Monitor“ von RICS zeigt weltweit steigende Materialkosten, schlechtere Kreditbedingungen und zunehmende Belastungen der Lieferketten. Besonders stark fiel zuletzt der Anstieg der Materialkostenprognosen aus. Die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate stiegen global von 4,0 auf 6,4 Prozent. In Europa verlor der Construction Sentiment Index innerhalb eines Quartals deutlich an Dynamik und sank von +14 auf +7 Punkte. Zwar bleibt Deutschland einer der stärkeren europäischen Märkte, doch auch hier fiel der Index von +34 auf +27.

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© Alan Boyce / unsplash

Produktivität entsteht auf der Baustelle

Die Ergebnisse widersprechen dabei vielen Debatten über KI und Digitalisierung. Zwar dominieren Technologieversprechen inzwischen zahlreiche Konferenzen und Strategiepapiere. Im RICS-Report nennen die Befragten jedoch weltweit den Mangel an qualifizierten Fachkräften als größten Produktivitätshemmer. In Europa sehen 56 Prozent der Befragten darin einen Faktor mit hoher Auswirkung auf die Produktivität, in Nord- und Südamerika sind es 53 Prozent und im Mittleren Osten und Afrika sogar 59 Prozent. Auch bei den Lösungsansätzen zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Qualifizierung der Beschäftigten gilt in nahezu allen Regionen als wirksamster Hebel zur Produktivitätssteigerung. Im Durchschnitt bewerten 47 Prozent der Befragten Weiterbildung und Upskilling als besonders wirkungsvoll.

Dahinter steckt ein grundsätzliches Problem der Branche. Anders als industrielle Produktionsprozesse ist das Bauen bis heute stark projektbezogen organisiert. Grundstücke, Genehmigungen, Bauabläufe und Beteiligte unterscheiden sich von Projekt zu Projekt. Hinzu kommen fragmentierte Zuständigkeiten, komplexe Abstimmungsprozesse und wechselnde Rahmenbedingungen auf der Baustelle. Entsprechend nennt der RICS-Report neben dem Fachkräftemangel vor allem die Terminplanung, die Koordination und das Baustellenmanagement als entscheidende Einflussfaktoren auf die Produktivität. Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb weniger im Einsatz einzelner Technologien als in der Fähigkeit, Prozesse zu standardisieren und die Zusammenarbeit effizienter zu organisieren.

Gleichzeitig zeigt sich, dass die Branche ihre Hoffnungen zunehmend auf Infrastrukturprojekte richtet. Weltweit entwickelt sich der Infrastrukturbereich zum stabilsten Segment der Bauwirtschaft. In Europa verbesserten sich die Zwölf-Monats-Erwartungen für Infrastruktur zuletzt von +24 auf +38 Prozent, während die Erwartungen im Wohnungsbau gleichzeitig deutlich von +31 auf +14 Prozent zurückgingen. Auch global bleibt Infrastruktur der stärkste Wachstumstreiber.

Zwischen Optimismus und strukturellen Grenzen

Trotz aller Probleme bleibt der Optimismus in der Branche bemerkenswert hoch. In nahezu allen Weltregionen liegen die Erwartungen an die künftige Produktivitätsentwicklung deutlich über den tatsächlich erreichten Verbesserungen der vergangenen Jahre. RICS verweist in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf einen möglichen „Optimism Bias“– also die systematische Tendenz, die Wirkung geplanter Veränderungen zu überschätzen und externe Belastungen zu unterschätzen. Gerade angesichts steigender Finanzierungskosten, geopolitischer Unsicherheiten und zunehmender Materialpreise gewinnt diese Diskrepanz zunehmend an Relevanz.

Besonders sichtbar wird das derzeit in Deutschland. Zwar hat sich die Stimmung gegenüber dem Tiefpunkt der vergangenen Jahre leicht verbessert, dennoch bleibt das Marktumfeld angespannt. Der aktuelle RICS-Monitor zeigt eine weiterhin schwache Investitionsdynamik, negative Kapitalwerterwartungen und deutlich verschlechterte Kreditbedingungen. Gleichzeitig bleibt die Zahl neuer Projektentwicklungen trotz leichter Verbesserungen seit Ende 2019 durchgehend negativ. Während Infrastrukturprojekte vielerorts noch stabilisierend wirken, geraten insbesondere die Segmente Wohnungsbau und Büro zunehmend unter Druck. Entsprechend dürfte das Thema Produktivität in der Bauwirtschaft weiter an Bedeutung gewinnen – gerade mit Blick auf Wohnungsbau, Infrastruktur und die Modernisierung des Bestands.



Quelle:

Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS): Global Construction Monitor Q1 2026

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