LeerGut als Ressource – Baukultur als Strategie

Interview mit Katja Fischer, Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen

Zehn Jahre IBA Thüringen haben gezeigt, wie Wandel im ländlichen Raum gelingen kann – durch Mut, Zusammenarbeit und neue Perspektiven auf Leerstand als Ressource. Katja Fischer erklärt, warum dieses „IBA-Erbe“ weitergeführt werden muss, weshalb kleine Impulse große Wirkung haben und wie Baukultur zu Teilhabe, Demokratie und lebendigen Orten beiträgt.

Frau mit grauem Haar in einem Dutt, trägt eine marineblaue Jacke, steht mit verschränkten Armen vor einer weißen Wand in einem Innenraum.
© Thomas Müller

Frau Fischer, Sie haben die IBA Thüringen zehn Jahre lang begleitet und leiten nun die Stiftung Baukultur Thüringen. Warum war es wichtig, dass es nach dem Ende der IBA nicht einfach einen Schlussstrich gibt?
Katja Fischer: Die IBA war ein Ausnahmezustand auf Zeit – oder, wie wir sagen, ein Gelegenheitsfenster. In so einem Prozess bündelt sich viel Energie. Er ist Motor und Katalysator, aber auch anstrengend für alle Beteiligten. Nach zehn Jahren muss man so etwas beenden, sonst verbraucht sich die Idee. Gleichzeitig sind Netzwerke gewachsen, Vertrauen entstanden, gemeinsames Lernen. Würde man das einfach kappen, ginge die wertvollste Ressource verloren. Deshalb war es klug vom Land Thüringen, eine unabhängige Struktur zu nutzen, die diese Beziehungsarbeit fortführt. Wir bei der Stiftung nennen das unser „IBA-Erbe“. Gemeint sind nicht nur 40 Modellprojekte, sondern vor allem eine Haltung: Veränderung gelingt nur, wenn Politik, Verwaltung, Planende und Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen. Und genau das braucht es heute – wo wir in vielerlei Krisen stecken.

Was verstehen Sie unter dem IBA-Erbe?
Katja Fischer: Zunächst geht es dabei um die entstandenen Projekte – Gesundheitskioske, Orte des Ankommens, moderne Holzbauten oder KlimaKulturLandschaften. Sie alle sind Leuchttürme, aber vor allem Beweise dafür, dass Veränderung in ländlichen Räumen gelingen kann. Wichtig ist uns, diese Beispiele sichtbar zu halten und die Menschen zu würdigen, die jahrelang daran gearbeitet haben. Gleichzeitig ist das IBA-Erbe für uns ein Auftrag: Netzwerke pflegen, AnsprechpartnerIn sein, Debatten anstoßen. Als Stiftung sind wir der „Flipperball“ im weiter andauernden Spiel der Transformation – wir stoßen an, vernetzen, spiegeln zurück. Diese unabhängige Rolle ist entscheidend, weil sie Vertrauen schafft.

Warum ist Leerstand so zentral für die Baukultur in Thüringen?
Katja Fischer: Weil er offenlegt, was in der Gesellschaft passiert. In Ostdeutschland fehlt nahezu eine ganze Generation, die Abwanderung der 1990er Jahre hat Spuren hinterlassen. Zurück bleiben leere Wohnhäuser, Schulen, Bahnhöfe und Kirchen. Leerstand ist das Echo dieser Transformation. Für uns ist er aber nicht nur Defizit, sondern Ressource. Deshalb haben wir den Begriff „LeerGut“ geprägt. Er verschiebt die Perspektive: Nicht jedes Gebäude lässt sich retten. Aber viele sind wertvoll – für die Identität eines Ortes, für das Gedächtnis, für das Gemeinwesen. Und sie enthalten gebundene Energie, die wir für die Bauwende nutzen müssen.

Wie wird aus Leerstand LeerGut?
Katja Fischer: Zuerst braucht es Wertschätzung, Mut und Beteiligung. Viele Verwaltungen sehen im Leerstand nur Kosten und Imageschaden. Doch wenn ein leerstehendes Kulturhaus abgerissen wird, verschwindet mehr als eine Immobilie – es reißt ein Loch ins Gemeinwesen. Solche Orte sind identitätsstiftend – und wenn sie verschwinden, schwächt das den Zusammenhalt. Deshalb sagen wir: Tut euch zusammen und macht eine Ideenwerkstatt! Fragt euch, was dieser Ort einmal war, was er künftig sein kann, was er für uns bedeutet. Und gebt Raum für Experimente. Menschen vor Ort sind bereit, Verantwortung zu übernehmen – sie brauchen Ermutigung, Strukturen und manchmal nur ein kleines Startsignal.

Sie sprechen vom demokratischen Aspekt des Leerstands…
Katja Fischer: Ja, weil es nicht nur um Mauern geht. In Thüringen haben die meisten Kommunen nur wenige tausend Einwohner. Wenn dort das Kulturhaus oder der Bahnhof schließt, verliert man mehr als Infrastruktur. Es verschwinden Orte, an denen man sich begegnet, diskutiert, streitet, feiert. Das sind Räume der Demokratie im Alltag. Leerstand ist deshalb auch ein demokratisches Problem. Wenn wir LeerGut aktivieren, geht es nicht nur um Sanierung, sondern um Gemeinsinn, Teilhabe und das Recht, das eigene Lebensumfeld mitzugestalten.

Wie entstand die Idee der Mikrofinanzierung?
Katja Fischer: Direkt aus der IBA. Wir haben gesehen: Oft reicht ein kleiner Impuls, um Engagement in Gang zu bringen. Deshalb haben wir im Abschlussjahr der IBA im Landtag empfohlen: „schnelles Fördern“. Heute nennen wir das Format Mikrofinanzierung. Die Idee ist simpel: Kleine Summen, unbürokratisch, ohne endlose Anträge. Tausend Euro sanieren kein Haus, aber sie ermöglichen eine Idee, bringen Partner zusammen, machen ein Projekt sichtbar. Es geht um die Anstoßphase – und die ist oft entscheidend.

Warum ist diese Art von Förderung so wichtig?
Katja Fischer: Weil klassische Förderprogramme gerade von kleinen Strukturen kaum zu bewältigen sind, dann laufen sie ins Leere. Sie sind zu schwerfällig, zu kompliziert oder setzen zu hoch an. Thüringen hat 605 Gemeinden – die meisten klein, mit wenig Ressourcen in der Verwaltung. Viele Ideen entstehen dort, wo es weder viel Fachpersonal noch große Fördermitteltöpfe gibt. Der Aufruf für die Mikrofinanzierungen hebt diese Vielfalt. Wir stärken damit oftmals kleine Initiativen – und machen sie sichtbar, auch als Motivation für andere. Gleichzeitig erkennen wir Trends: Wenn an vielen Orten ähnliche Themen auftauchen, können wir diese Erkenntnisse zurück in die Politik spielen. Das ist die eigentliche Chance: kleine Beträge mit großer Hebelwirkung.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?
Katja Fischer: Meine Haltung ist klar: Baukultur ist kein Luxus. Sie ist die Voraussetzung für gute Lebensumfelder – in denen Menschen sich einbringen, in denen Demokratie lebendig bleibt, in denen wir mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen arbeiten und schöne Orte schaffen. Wenn wir es schaffen, dafür Sprachfähigkeit und Vertrauen zwischen allen Beteiligten zu erhalten, dann sind wir auf einem guten Weg. Dafür braucht es Brücken – zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft, Politik und Menschen vor Ort. Ich wünsche mir, dass wir unsere gebauten Bestände und LeerGüter als Ressourcen ernst nehmen, dass wir die Mikrofinanzierung verstetigen können und dass wir die neue Erzählung für den ländlichen Raum weiter mitentwickeln können. Am Ende geht es darum, da zu sein und Mut zu machen: zu zeigen, dass und wie Veränderung möglich ist. Orte wie der Eiermannbau in Apolda stehen dafür – sie beweisen: Es geht.

Eine Menschenmenge versammelt sich bei einer Freiluftveranstaltung in der Nähe eines großen, modernen Gebäudes aus Ziegeln und weißer Farbe unter einem bewölkten Himmel.
© Thomas Müller
Das jährliche Auenfest (Fest der Apoldaer Kulturakteur:innen und Mieter:innen des Eiermannbaus) im und am Eiermannbau
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Drei Personen auf Leitern beim Verputzen einer Wand in einem zu renovierenden Raum, mit Werkzeugen und Eimern in der Nähe.
© Thomas Müller
Eine Bauschul-Gruppe im Haus Bräutigam, der gleichnamige Verein wurde durch die Mikrofinanzierung unterstützt
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Eine Menschenmenge versammelt sich bei einer Freiluftveranstaltung in der Nähe eines großen, modernen Gebäudes aus Ziegeln und weißer Farbe unter einem bewölkten Himmel.
Drei Personen auf Leitern beim Verputzen einer Wand in einem zu renovierenden Raum, mit Werkzeugen und Eimern in der Nähe.

Vita

Katja Fischer ist geschäftsführende Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen. Zuvor war sie langjährige Programm- und Projektleiterin der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen von 2012 bis 2023. In Forschung und Lehre war sie unter anderem als Gastdozentin an der Virginia Tech / WAAC (USA) sowie als Gastprofessorin an der Universität Kassel tätig. Sie berät unter anderem das BMWSB und das Programm Zukunft Bau zu Fragen der Baukultur und Innovation.

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