Digitale Baukunst in den Alpen: Der Weiße Turm von Mulegns
3D-gedruckter Turm bricht Weltrekord
Mulegns, ein Dorf in den Schweizer Alpen mit elf Einwohnern: Wo einst Zuckerbäcker in die Welt hinauszogen, steht heute „Tor Alva – der Weiße Turm von Mulegns“ – ein futuristischer Turm aus digital gedrucktem Beton, der sich 30 Meter in den Himmel schraubt.
Tor Alva, realisiert in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich für die Kulturstiftung Nova Fundaziun Origen, ist ein Weltrekord, ein digitales Kunstwerk – und ein Symbol für kulturellen Wandel in der Alpenregion. Der BAU gilt als das höchste 3D-gedruckte Bauwerk der Welt.
Der Turm besteht aus 32 verzweigten Säulen und 124 gedruckten Elementen, die in 2.500 Schichten aus Feinkornbeton entstanden sind. Ermöglicht wurde die Konstruktion durch ein neuartiges, robotergesteuertes Druckverfahren, das ohne Schalung auskommt und selbst komplexe Formen stabil umsetzt. Als weltweit erstes statisch tragfähiges Bauwerk dieser Art markiert es einen technischen Meilenstein. Es vereint technische Pionierleistung, kulturelle Vision und nachhaltige Innovationskraft – und setzt neue Maßstäbe für digitale Baukultur.
Hightech trifft Handwerkskunst – digitale Präzision bis ins letzte Detail
Was wie ein Kunstobjekt aus der Zukunft aussieht, ist das Ergebnis jahrelanger Forschung an der ETH Zürich. Im Robotic Fabrication Laboratory wurde ein völlig neuer Fertigungsprozess entwickelt. Zwei Industrieroboter arbeiten dabei synchron: Der eine extrudiert Feinkornbetonschichten, der andere integriert Stahlbewehrung während des Druckens. Ein eigens entwickelter Feinkornbeton mit Zusatzmitteln sorgt für schnelles Aushärten ohne Schalung – eine weltweit anspruchsvolle Leistung.
Die digitale Steuerung erfolgt über parametrisches Design: Computergenerierte Algorithmen berechnen die optimalen Geometrien sowie hochpräzise Druckpfade. Dadurch entstehen ornamentale Oberflächenstrukturen, die an barocke Handwerkskunst erinnern – ein moderner Ausdruck digitaler Ästhetik, der zwischen Stein und Textil changiert.
Parametrisch geplant: Jede Säule ein digitales Unikat
Die Architektur des Weißen Turms ist ebenso spektakulär wie technologisch innovativ. 48 tragende Säulen stützen die vier Geschosse und eine doppelte Kuppel. Diese bestehen aus insgesamt 124 gedruckten Elementen mit etwa 2.500 Betonschichten à 10 mm Höhe und 15–20 mm Breite – pro Säule rund 5.000 m Druckpfad. Ihre Geometrien und Verflechtungen wurden vollständig parametrisch generiert – jede Säule ist ein algorithmisch geschaffenes Unikat. Die digitale Steuerung ermöglicht AR/VR-gestützte Simulationen und einen digitalen Zwilling zur Planung und Qualitätssicherung.
Im Inneren dient ein kuppelüberwölbter Saal mit 32 Plätzen als performativer Raum. Der Weg dorthin führt über eine Wendeltreppe durch atmosphärische Kammern und bietet ein räumliches Erlebnis, bei dem Licht, Material und Struktur kunstvoll inszeniert werden.
Modular – vorgefertigt – zirkulär
Konstruktion und Logistik wurden bereits in der Planungsphase optimiert. Die Säulensegmente wurden über einen Zeitraum von vier Monaten im Labor gefertigt, anschließend in 3D-gedruckten Kunststoffschalungen gegossen und in Savognin, das zehn Kilometer von Mulegns entfernt liegt, zusammengefügt. Vor Ort konnten die vier Geschosse innerhalb weniger Tage montiert werden – dank trockener Schraubverbindungen ohne Kleber oder Nassbeton. Nach fünf Jahren ist ein Rückbau mit Neuaufbau an einem anderen Standort vorgesehen. Dank der dünnwandigen Bauweise und des präzisen Materialauftrags wird rund 40 % weniger Beton verbraucht als beim traditionellen Gussverfahren. Zudem untersucht ein Monitoring, wie der Beton im Laufe der Zeit CO₂ bindet – ein Prozess, der durch die dünnen Schichten beschleunigt wird. Rostfreier Stahl als Bewehrung schützt darüber hinaus vor Korrosion.
Die Forschungsergebnisse aus den Bereichen Architektur (D-ARCH), Baustatik, Baustoffwissenschaften und digitaler Fertigung wurden interdisziplinär vernetzt umgesetzt. Technische Innovationen wie modifizierte Testverfahren, ein statistisches Designmodell und die robotische Integration setzen neue Standards und legen den Grundstein für nachhaltige digitale Baumethoden.
Hoffnungsträger für Mulegns’ Zukunft
Doch Tor Alva ist mehr als Technologie. Er ist Teil einer umfassenden Vision: Die Nova Fundaziun Origen möchte das fast ausgestorbene Dorf Mulegns mit künstlerischen und architektonischen Mitteln zu neuem Leben erwecken. Wo einst Zuckerbäcker in die Welt zogen, entsteht heute ein Zentrum digitaler Baukultur. Dabei verbindet der Weisse Turm Vergangenheit und Zukunft, Handwerk und Hightech, lokale Geschichte und globale Innovation. Die Eröffnung im Mai 2025 markiert den Höhepunkt jahrelanger Forschung, Planung und kultureller Initiative. Mit der Unterstützung von Industriepartnern, Stiftungen und der öffentlichen Hand wurde ein Projekt realisiert, das neue Maßstäbe setzt – technologisch, architektonisch und gesellschaftlich.
Kultur, Architektur und Erbe – Origen verbindet Vergangenheit und Vision
Die Nova Fundaziun Origen ist eine Kulturinstitution mit Sitz in den Bündner Alpen. Sie verbindet Theater, Architektur und Denkmalpflege zu einem visionären Gesamtkonzept: Historische Bauten werden erhalten, zeitgenössische Bühnenkunst wird inszeniert und durch mutige Architektur werden neue Impulse gesetzt. Die Stiftung engagiert sich insbesondere für die kulturelle Belebung strukturschwacher Regionen wie Mulegns. Dort ist mit dem Weissen Turm ein zukunftsweisender Ort digitaler Baukultur entstanden.
Kooperationspartner:
Nova Fundaziun Origen – Projektinitiatorin und Bauherrin
Zindel United – Generalunternehmerin
Uffer Gruppe – Baumeister
Conzett Bronzini Partner – Tragwerksplanung
ETH-Spin-offs Mesh und Saeki – Robotische Bewehrung & 3D-Schalung