Leitthema Material & Ressource: Ist der Rohstoff von morgen bereits verbaut?
26. August 2026
- Bestand wird zur Ressource
- Kreislaufwirtschaft wird zum Wettbewerbsfaktor
- Baustoffe im Wandel
Am 30. Juli 2026 war der Earth Overshoot Day. Ab diesem Tag verbraucht die Menschheit rechnerisch mehr natürliche Ressourcen, als die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren kann. Diese Herausforderung betrifft nahezu alle Wirtschaftsbereiche, besonders aber das Bauwesen. Wie Materialien effizienter genutzt und Rohstoffe im Kreislauf geführt werden können, gehört somit zu den zentralen Zukunftsaufgaben der Branche. Lösungen und Innovationen dazu präsentiert die BAU 2027 vom 11. bis 15. Januar 2027 in München.
Lange Zeit lag der Fokus vor allem auf dem Neubau. Heute rückt jedoch zunehmend der Gebäudebestand in den Fokus. Denn oft ist die nachhaltigste Ressource bereits vorhanden. Allein in Deutschland lagern laut dem Wuppertal Institut rund 20,8 Milliarden Tonnen Baumaterialien in Wohn- und Nichtwohngebäuden. Das gesamte anthropogene Materiallager umfasst rund 51,7 Milliarden Tonnen. Damit verändert sich auch die Sicht auf Städte und Gebäude. Was bislang vor allem als Bestandsimmobilie betrachtet wurde, entwickelt sich zunehmend zu einer potenziellen Rohstoffquelle.
Das Wuppertal Institut spricht von einem Wandel „vom Ressourcenfresser zum Ressourcenlager“. Diese Neubewertung des Bestands verändert jedoch nicht nur den Umgang mit Ressourcen, sondern auch die planerische und gesellschaftliche Sicht auf das Bauen. Während die Diskussion lange Zeit von Neubau und Flächenentwicklung geprägt war, rücken heute Fragen des Erhalts, der Weiterentwicklung und der Umnutzung bestehender Gebäude stärker in den Mittelpunkt. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Positionen von Architektur- und Planungsverbänden wider, wie Benedikt Hotze vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) betont: „Der BDA hat schon 2019 im Manifest „Das Haus der Erde“ einen Vorrang von Weiterbauen und Umnutzen des Bestandes vor Abriss und Neubau gefordert. Was damals manchen noch irritiert haben mag, ist schnell zur zentralen Kernforderung im Bauwesen geworden: Umbau ist der neue Neubau.“
Die wachsende Bedeutung des Bestands ist dabei nicht allein eine Frage der Baukultur oder Planungspraxis. Sie wird zunehmend auch durch ökologische und ökonomische Anforderungen gestützt. Erhalt, Umnutzung und Aufstockung bestehender Gebäude gelten heute als wichtige Hebel, um Ressourcen zu schonen, graue Emissionen zu vermeiden und vorhandene Materialien möglichst lange im Kreislauf zu halten. Auch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen sieht in der Weiternutzung bestehender Gebäude einen wichtigen Hebel für mehr Ressourceneffizienz. Gefragt sind ein intelligenterer Materialeinsatz sowie „circular construction and reuse of existing buildings“, um den Ressourcenverbrauch, die Kosten und die Abhängigkeiten in Lieferketten zu reduzieren.
Zudem gewinnt die Frage an Bedeutung, wie sich der Materialbedarf bereits in der Planungs- und Entwurfsphase reduzieren lässt. Neben der Wiederverwendung von Baustoffen rücken kompakte Grundrisse, flächeneffiziente Konzepte und materialoptimierte Konstruktionen in den Fokus. Eine aktuelle Studie der Technischen Universität München zeigt, dass sich durch kompaktere Grundrisse mit kleinerem Rastermaß die grauen Emissionen der Konstruktion um rund zehn Prozent reduzieren lassen. Gleichzeitig sinkt der Materialbedarf, ohne dass wesentliche Einbußen bei der Wohnqualität entstehen.
„Die Wohnfläche pro Kopf steigt seit Jahren kontinuierlich. Gleichzeitig müssen wir Wege finden, um die Wohnansprüche unserer Zeit mit einem geringeren Ressourcenverbrauch zu vereinbaren. Kompaktere Gebäudetypologien können den Materialbedarf, die grauen Emissionen und die Baukosten deutlich senken. Die Schweiz zeigt uns das bereits seit Jahren“, erklär Annalena Veit vom Lehrstuhl für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen der TU München.
Kreislaufwirtschaft wird zum Wettbewerbsfaktor
In Deutschland fallen jährlich rund 220 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle an (Wuppertal Institut/Butterfly Effect Consulting GmbH, 2025). Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Ressourceneffizienz, Versorgungssicherheit und Klimaschutz. Damit entwickelt sich die Kreislaufwirtschaft zunehmend von einer Entsorgungsfrage zu einem wirtschaftlichen Erfolgsfaktor. Auch auf europäischer Ebene wächst der Handlungsdruck. Laut Construction Products Europe werden derzeit lediglich rund 40 Prozent der Bau- und Abbruchabfälle in Europa recycelt oder wiederverwendet.
Dabei steht die europäische Bauwirtschaft für Bauinvestitionen von rund 1,7 Billionen Euro, beschäftigt 18 Millionen Menschen und erwirtschaftet etwa elf Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts (Construction Products Europe, Circular Construction Paper, 2025). Gleichzeitig bieten sich durch die Kreislaufwirtschaft Chancen für Innovationen, Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit.
Um dieses Potenzial zu erschließen, richtet sich der Blick verstärkt auf die im Gebäudebestand vorhandenen Materialien. Die Kreislaufwirtschaft beginnt dabei nicht erst beim Recycling. Zunehmend rückt der Gebäudebestand selbst als Rohstoffquelle in den Fokus. Urban Mining, die Wiederverwendung von Bauteilen und der Einsatz von Sekundärrohstoffen sollen dazu beitragen, bereits verbaute Materialien länger zu nutzen und den Bedarf an neuen Rohstoffen zu reduzieren.
Baustoffe im Wandel
Neben der Wiederverwendung bestehender Materialien rückt auch die Weiterentwicklung von Baustoffen in den Fokus. Beton und Zement werden auch künftig unverzichtbar bleiben. Gleichzeitig arbeiten Hersteller, Forschungseinrichtungen und die Industrie an neuen Lösungen, um Emissionen und Materialeinsatz zu reduzieren. Zu den wichtigsten Innovationsfeldern zählen klinkerreduzierte Zemente, alternative Bindemittel, Recyclingbeton, Carbon Beton sowie Verfahren zur CO₂-Abscheidung und -Speicherung. Die internationale Breakthrough Agenda formuliert das Ziel, dass emissionsarmer Zement künftig die bevorzugte Wahl auf den globalen Märkten sein soll (Breakthrough Agenda Report 2025). Parallel dazu gewinnen biobasierte Baustoffe wie Holz, Hanf, Flachs, Stroh oder Lehm an Bedeutung. Sie können CO₂ speichern, regionale Wertschöpfungsketten stärken und Transportwege reduzieren. Gleichzeitig rücken gesundheitliche Aspekte stärker in den Fokus. Emissionsarme Baustoffe und schadstoffarme Innenräume gewinnen bei der Planung und der Materialwahl zunehmend an Bedeutung.
Gleichzeitig verändert sich die Bewertung von Gebäuden. Neben dem Energieverbrauch im Betrieb rücken die Emissionen aus Herstellung, Transport, Bau, Nutzung, Sanierung und Rückbau stärker in den Fokus. Lebenszyklusanalysen, Umweltproduktdeklarationen und die Erfassung sogenannter grauer Emissionen gewinnen deshalb an Bedeutung. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen weist darauf hin, dass Gebäude für nahezu die Hälfte der weltweiten Materialentnahme verantwortlich sind und die in Materialien gebundenen Emissionen somit eine bislang unzureichend adressierte Herausforderung für den Klimaschutz darstellen.
Kreislaufwirtschaft braucht Transparenz
Damit Materialien wiederverwendet werden können, müssen ihre Eigenschaften bekannt sein. Herkunft, Zusammensetzung, Umweltwirkungen und Rückbaupotenziale werden deshalb zu wichtigen Entscheidungsgrundlagen für Planung, Bau und Betrieb. Mit der neuen europäischen Bauproduktenverordnung gewinnt die digitale Dokumentation von Bauprodukten an Bedeutung. Digitale Produktpässe (Digital Product Passports, DPPs) sollen künftig Umweltinformationen, Konformitätsdaten und weitere produktspezifische Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg verfügbar machen. Das Ziel besteht darin, Transparenz und Rückverfolgbarkeit entlang der Wertschöpfungskette zu verbessern.
„Dass Nachhaltigkeit auf allen Ebenen der Bau- und Immobilienbranche Einzug hält und immens an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnt, zeigt die Regulatorik. Mit der verpflichtenden Einführung des digitalen Produktpasses sowie der Gebäudeökobilanzierung werden Transparenz und Qualität über den gesamten Lebenszyklus von Produkten und Gebäuden zum neuen Normal für Herstellende und Planende. Die BAU 2027 ist ein guter Ort, um loszulegen und in die Tiefen dieser Themen einzusteigen“, stellt Johannes Kreißig, Geschäftsführender Vorstand der DGNB, klar.
Auch die Kreislaufwirtschaft selbst wird technologischer. Künstliche Intelligenz, Sensorik und Robotik helfen dabei, Materialien im Gebäudebestand zu identifizieren, Bau- und Abbruchabfälle automatisiert zu sortieren und hochwertige Sekundärrohstoffe bereitzustellen. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten, Materialkreisläufe wirtschaftlich und in größerem Maßstab zu organisieren.
Lösungen für den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen
Der verantwortungsvolle Umgang mit Materialien und Ressourcen wird die Entwicklung der Bauwirtschaft in den kommenden Jahren maßgeblich prägen. Gefragt sind Lösungen, die Ressourcenschonung, Wirtschaftlichkeit und technische Qualität miteinander verbinden. Auf der BAU 2027 präsentieren Hersteller, Planer, Forschungseinrichtungen und Start-ups Möglichkeiten, wie sich Kreislaufwirtschaft, Materialeffizienz und digitale Transparenz in die Baupraxis integrieren lassen. Vorgestellt werden neue Baustoffe, innovative Produkte, digitale Werkzeuge sowie Konzepte für den Erhalt und die Weiterentwicklung des Gebäudebestands. Die BAU 2027 in München zeigt, welche Technologien, Produkte und Konzepte das Bauen der Zukunft prägen werden.
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