Die klimaresiliente Stadt

Vogelperspektive auf drei hohe runde Gebäude mit begrünten Dachterrassen und zahlreiche weitere Hochhäuser, die dahinter stehen.

Längst verändern Hitzewellen nicht nur das Klima, sondern auch den Alltag in den Städten. Plätze überhitzen, Wege werden gemieden und die Aufenthaltsqualität in den Innenstädten sinkt. Neue Studien zeigen: Klimaresilienz ist nicht nur eine technische Herausforderung. Sie wird zunehmend zur Frage der Stadtgestaltung, der Gesundheit und der sozialen Teilhabe.

Urbane Hitze als neuer Dauerzustand

Lange Zeit galt Hitze in Deutschland als Ausnahmezustand. Heute wird sie jedoch zunehmend zum Dauerzustand urbaner Sommer. Besonders dicht bebaute und stark versiegelte Stadtviertel speichern Wärme über Stunden hinweg und geben sie nachts nur langsam wieder ab. Dieser sogenannte urbane Wärmeinseleffekt führt dazu, dass Städte deutlich höhere Temperaturen aufweisen als ihr Umland – mit spürbaren Folgen für Gesundheit und Alltag. Eine aktuelle Untersuchung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt, wie stark sich die gebaute Umwelt auf das Hitzeempfinden auswirkt. Dabei sind nicht nur die Lufttemperaturen entscheidend, sondern auch die Bebauungsdichte, die Materialität, die fehlende Durchlüftung und die Qualität öffentlicher Räume. In Berlin sterben der Studie zufolge bereits heute jährlich rund 100 Menschen infolge extremer Hitze. Betroffen sind ältere Menschen, Kinder, Personen mit Vorerkrankungen oder Menschen ohne ausreichende Rückzugsorte. Die Forschung macht zugleich deutlich, dass Hitze weit mehr ist als ein meteorologisches Problem. Sie verändert das Verhalten im Stadtraum. Wege werden gemieden, Aufenthaltsorte verlieren an Attraktivität und Plätze sowie Haltestellen werden zu Belastungsräumen. Vor allem dort, wo Schatten, Begrünung oder Wasser fehlen, entsteht eine neue Form urbaner Stressbelastung.

Damit verschiebt sich auch der Blick auf die Stadtplanung. Jahrzehntelang standen Verdichtung, Mobilität und Flächeneffizienz im Mittelpunkt. Die Frage, wie sich eine Stadt bei langanhaltender Hitze anfühlt, spielte dagegen kaum eine Rolle. Inzwischen zeigt sich immer deutlicher: Städte müssen künftig nicht nur funktionieren, sondern auch unter klimatischen Extrembedingungen lebenswert bleiben.

Hitze in der Stadt
© Abel Done / unsplash
Luftaufnahme eines mehrstöckigen städtischen Wohnkomplexes mit Solarmodulen und von Bäumen und Wegen umgebenen Innenhöfen.
© Messe München GmbH

Klimaresilienz wird zur Gestaltungsaufgabe

Die aktuellen Forschungsergebnisse zeigen, dass technische Maßnahmen allein nicht ausreichen. Zwar bleiben Verschattung, Begrünung, Entsiegelung und Wasserflächen zentrale Instrumente der Klimaanpassung. Doch die Studien verweisen zunehmend auf einen weiteren entscheidenden Faktor: die subjektive Wahrnehmung von Stadträumen. Im Forschungsprojekt „Hitze in der Stadt“ wurde dieser Zusammenhang mithilfe von sogenannten „Climate Walks“ untersucht, bei denen Stadtspaziergänge durch unterschiedlich belastete Stadträume begleitet wurden. Dabei wurden Temperaturdaten und persönliche Wahrnehmungen gemeinsam erfasst. Die Teilnehmenden beschrieben, wo sie sich belastet oder geschützt fühlten und welche Rolle dabei Schatten, Verkehr oder die Aufenthaltsqualität spielten. Die Ergebnisse zeigen, dass Hitze intensiver wahrgenommen wird, wenn zusätzliche Stressoren wie Verkehrslärm, schlechte Luft oder visuelle Unruhe hinzukommen. Somit wird Aufenthaltsqualität selbst zu einem Bestandteil klimaresilienter Planung. Das verändert die Anforderungen an Architektur und Stadtgestaltung grundlegend.

In den Fokus rücken nicht nur Parks oder Grünflächen, sondern auch alltägliche Transiträume wie Bushaltestellen, Plätze, Gehwege oder Bahnsteige. Gerade dort halten sich Menschen oft unfreiwillig und ohne Schutz auf. Die Forschung empfiehlt deshalb, Wartezonen stärker zu verschatten und die Aufenthaltsqualität gezielt zu verbessern. Darüber hinaus sollten öffentliche Räume differenzierter nach Nutzung und Belastung geplant werden. Interessant ist dabei die Idee der „kühlen Wege“. Damit sind nicht nur einzelne kühle Orte innerhalb der Stadt gemeint, sondern zusammenhängende, schattige und begrünte Wegeverbindungen zwischen wichtigen Alltagszielen. Denn im Alltag reicht es nicht aus, einzelne Rückzugsorte zu schaffen, wenn der Weg dorthin selbst zur Belastung wird.

Damit entsteht ein neuer Maßstab für urbane Qualität. Eine klimaangepasste Stadt definiert sich künftig nicht nur über Energieeffizienz oder Flächennutzung, sondern auch über thermischen Komfort im öffentlichen Raum. Fragen der Mikroklimatik rücken damit stärker in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung.

Zwischen Gesundheitsvorsorge und resilienter Stadtentwicklung

Parallel dazu gewinnt der Begriff der Klimaresilienz zunehmend an Bedeutung über die klassische Stadtplanung hinaus. In der Handreichung „Stresstest für Städte“ wird Hitze nicht mehr nur als Umweltproblem, sondern auch als Risiko für die Funktionsfähigkeit ganzer Kommunen betrachtet. Betroffen sind dabei die Gesundheitsversorgung, die Energieinfrastruktur, die Wasserversorgung, die Mobilität, die soziale Stabilität und die öffentlichen Räume gleichermaßen. Mithilfe des digitalen Tools „Stresstest für Städte“ versucht das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), diese Verwundbarkeiten systematischer erfassbar zu machen. Kommunen können damit unterschiedliche Krisenszenarien – von Hitzewellen und Starkregen bis hin zu Energie- oder Versorgungskrisen – analysieren und daraus strategische Maßnahmen ableiten.

Dazu untersucht das Instrument verschiedene Bereiche urbaner Funktionsfähigkeit wie Umwelt, Gesundheit, Wohnen, Energieversorgung, Mobilität oder soziale Infrastruktur. Auffällig ist dabei, dass Resilienz nicht allein technisch definiert wird. Auch gesellschaftlicher Zusammenhalt, Nachbarschaften und Vertrauen gelten als Faktoren dafür, wie widerstandsfähig Städte auf Krisen reagieren können. Extreme Hitze belastet nicht nur die Gesundheit und die öffentlichen Räume, sondern auch die Energieversorgung, die Wassersysteme und die soziale Infrastruktur. Gleichzeitig verschärfen sich bestehende Ungleichheiten, da nicht alle Menschen gleichermaßen Zugang zu geschützten oder gekühlten Räumen haben. Trinkwasserstellen, schattige Bereiche und begrünte Freiflächen werden somit zunehmend Teil der urbanen Daseinsvorsorge.

Es zeigt sich jedoch auch, dass viele Städte noch aus einer Zeit stammen, in der versiegelte Plätze und aufgeheizte Straßenräume kaum hinterfragt wurden. Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb womöglich weniger in einzelnen Hitzeaktionen als in der grundlegenden Frage: Wie müssen Städte künftig geplant, umgebaut und organisiert werden, damit sie auch unter dauerhaft veränderten klimatischen Bedingungen als lebenswerte öffentliche Räume funktionieren?

Öffentlicher Platz mit Trinkbrunnen, Bäumen und Schatten
© Ai generated

Quellen:

Schroth, J.; Draeger, S.; Gabriel, J.; Santucci, D., 2025: Hitze in der Stadt: Eine sozial-räumlich differenzierte Analyse für Klimaanpassungsmaßnahmen aus Sicht der Stadtnutzenden in Berlin. Cottbus. Download

von Richthofen, A.; Wawerek, J.; Guadalupe Aranda Sánchez, M.; Kissick, H.; Lutherborrow, T.; Vasilenko, E.; Imorde, J.; Sandscheiper, F.; Syska, M.; Bücker, N., 2026: Stresstest für Städte. Handreichung zum digitalen Resilienz-Monitoring für Städte und Gemeinden in Deutschland. Herausgeber: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Bonn.

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