Die Hindernisse des einfachen Bauens – Wenn Vereinfachung komplex wird

Drei mehrstöckige Gebäude mit runden Fenstern zwischen Bäumen, davor ein Spielplatz mit Spielgeräten aus Holz und Seil.

Einfaches und zirkuläres Bauen gelten als zentrale Ansätze, um Gebäude kostengünstiger, ressourcenschonender und langfristig anpassungsfähiger zu gestalten. Die zugrunde liegenden Prinzipien sind seit Jahren bekannt, trotzdem bleiben viele dieser Ansätze bislang Ausnahmefälle. Ein Forschungsprojekt zu den Hindernissen des einfachen und zirkulären Bauens zeigt, dass die größten Probleme häufig nicht nur in der technischen Umsetzung, sondern im System selbst liegen.

Komplexität entsteht bereits vor dem Bau

Die Untersuchung beschreibt strukturelle Hindernisse, die bereits in den frühen Planungs- und Genehmigungsphasen entstehen. Als Gründe werden komplexe Vorschriften, umfangreiche Nachweise, lange Abstimmungsprozesse sowie Unsicherheiten bei Haftung und Verantwortung genannt. Viele Akteure orientieren sich deshalb an etablierten Standards, selbst wenn einfachere Lösungen technisch möglich wären. Gerade darin liegt ein zentraler Widerspruch des einfachen Bauens: Vereinfachte Konstruktionen oder Low-Tech-Ansätze sollen Komplexität reduzieren, erzeugen durch Abweichungen vom Standard jedoch oft zusätzlichen Prüf- und Abstimmungsaufwand.

Hinzu kommen Zielkonflikte zwischen den Anforderungen an Energieeffizienz, Schallschutz, Brandschutz, Barrierefreiheit und technische Gebäudeausrüstung. Jede einzelne Vorgabe ist fachlich begründbar, in ihrer Summe erhöhen sie jedoch den technischen und organisatorischen Aufwand. Beim zirkulären Bauen kommen weitere Hürden hinzu. So fehlen beispielsweise standardisierte Verfahren für die Wiederverwendung, Materialbewertung und den Rückbau. Wiederverwendete Bauteile müssen oft einzeln geprüft werden und verfügbare Materialien sind kaum dokumentiert.

Holzstruktur eines im Bau befindlichen Gebäudes, mit sichtbaren Balken, Wänden und Blick ins Freie.
© Messe München GmbH

Fehlende Routinen und neue Verantwortlichkeiten

Ein weiterer Schwerpunkt der Forschung liegt auf institutionellen und kulturellen Barrieren. Planungs- und Bauprozesse seien über Jahrzehnte auf standardisierte Abläufe und klare Zuständigkeiten ausgerichtet worden. Einfaches und zirkuläres Bauen erfordern hingegen frühere Abstimmungen, interdisziplinäre Zusammenarbeit und neue Entscheidungsprozesse. Gleichzeitig fehlt vielen Beteiligten praktische Erfahrung mit vereinfachten oder zirkulären Konzepten. Neue Lösungen werden deshalb häufig als Risiko wahrgenommen, insbesondere bei unklaren Verantwortlichkeiten oder Haftungsfragen.

In der Praxis werden technische Normen zudem oft wie verbindliche Mindeststandards behandelt. Auch wirtschaftliche Strukturen erschweren Veränderungen. Viele Vorteile einfacher oder zirkulärer Lösungen entstehen erst langfristig, der zusätzliche Planungs- und Abstimmungsaufwand dagegen unmittelbar im Projekt. Dadurch bleiben die Anreize gering, etablierte Routinen zu verändern. In der Forschung wird zudem eine Planungskultur beschrieben, in der technische Optimierung häufig höher bewertet wird als Robustheit oder konstruktive Einfachheit. Dadurch werden Gebäude zunehmend komplexer – nicht immer aus funktionaler Notwendigkeit.

Vereinfachung erfordert strukturelle Veränderungen

Die Untersuchung belässt es jedoch nicht bei der Beschreibung der Hindernisse, sondern formuliert auch konkrete Maßnahmen. Für das einfache Bauen nennt die Studie vor allem flexiblere Regelwerke, vereinfachte Nachweis- und Genehmigungsverfahren sowie funktionale statt detailorientierter Vorgaben. Entscheidend sei weniger, wie ein Gebäude technisch umgesetzt wird, sondern welche Leistung es erfüllt. Zudem verweist die Forschung auf robuste Low-Tech-Konzepte, passive Klimastrategien und einfachere Konstruktionen, die den Wartungsaufwand, den Materialeinsatz und die technische Komplexität reduzieren könnten. Gleichzeitig brauche es mehr Pilotprojekte und geschützte Experimentierräume. Parallelen lassen sich hier etwa zu Initiativen wie dem Gebäudetyp E oder dem Hamburg-Standard erkennen.

Für das zirkuläre Bauen nennt die Studie darüber hinaus digitale Materialpässe, Gebäuderessourcenkataster sowie standardisierte Verfahren zur Bewertung wiederverwendbarer Bauteile. Auch integrierte Planungsprozesse, bei denen Rückbau und Wiederverwendung von Anfang an berücksichtigt werden, gelten als zentrale Voraussetzung. Viele der vorgeschlagenen Maßnahmen werden bislang vor allem in Pilotprojekten und experimentellen Verfahren erprobt. Welche Ansätze sich dauerhaft in Planungs-, Genehmigungs- und Bauprozesse integrieren lassen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.



Quelle:

Stoy, C.; Benn, M.; Hagmann, C., 2025: Darstellung von Hindernissen zur Umsetzung von Konzepten des Einfachen Bauens. Forschungsprogramm Zukunft Bau / BBSR.

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