Klimaanpassung: Wie viel Raum geben wir dem Wasser?
Fünf Jahre nach der Flut im Ahrtal zeigt sich: Klimaanpassung betrifft nicht nur einzelne Gebäude, sondern auch Grundstücke, Siedlungsstrukturen und Flussräume. Wie viel Raum geben wir dem Wasser?
Wiederaufbau als Chance für mehr Resilienz
Die Flutkatastrophe vom Juli 2021 wurde zum Ausgangspunkt für einen anspruchsvollen Wiederaufbau. Zerstörte Gebäude und Infrastrukturen sollten nicht einfach ersetzt, sondern widerstandsfähiger geplant und gebaut werden. Das Forschungsprojekt „KAHR – KlimaAnpassung, Hochwasser und Resilienz” begleitete diesen Prozess von 2021 bis 2025 und erarbeitete Empfehlungen, die vom hochwasserangepassten Gebäude über Retentionsflächen und kritische Infrastruktur bis zur Siedlungsentwicklung reichen. Wiederaufbau wird darin als Chance verstanden, bestehende Verwundbarkeiten zu reduzieren und nicht erneut festzuschreiben.
Fünf Jahre später lässt sich die Frage weiter fassen. Denn die Anpassungsaufgabe betrifft keineswegs nur Flusstäler. Laut der Prognos-Studie „Klimaangepasste Gebäude” belaufen sich die notwendigen Investitionen zur Anpassung des deutschen Gebäudesektors bis 2035 auf 137 Milliarden Euro bei einem leichten und auf 237 Milliarden Euro bei einem starken Klimawandel. Allein auf Starkregen entfallen dabei 65 bzw. 76 Milliarden Euro. Für Flusshochwasser sind es eine bzw. fünf Milliarden Euro.
Starkregen trifft auf eine große Fläche
Der große Unterschied in der Schadensverteilung erklärt sich aus der unterschiedlichen räumlichen Verteilung der Risiken. Flusshochwasser konzentriert sich vor allem auf bekannte Gefahrengebiete. Starkregen kann hingegen grundsätzlich überall auftreten. Gelände, Versiegelung, Bebauung und Entwässerung beeinflussen, wo Wasser abfließt und wo es sich sammelt. Prognos unterscheidet deshalb auch die erforderlichen Strategien. Beim Flusshochwasser spielen übergeordnete kommunale Maßnahmen eine wichtige Rolle, während bei der Starkregenvorsorge auch das Grundstück und das Gebäude berücksichtigt werden müssen. Besonders gefährdet sind Keller, Tiefgaragen und Souterrainwohnungen, aber auch zunehmend Erdgeschosse.
Dabei liegt die größere Bauaufgabe nicht im Neubau. Laut Prognos entfallen im Szenario eines leichten Klimawandels 86 Prozent der bis 2035 ermittelten Anpassungsinvestitionen auf bestehende Gebäude. Dort treffen neue Anforderungen auf längst festgelegte Konstruktionen, Grundstücke und Siedlungsstrukturen.
Wissen, woher das Wasser kommt
Voraussetzung für jede Anpassung ist zunächst eine belastbare Kenntnis der Gefährdung. KAHR misst Hochwassermodellen sowie Starkregen- und Sturzflutengefahrenkarten deshalb eine zentrale Rolle zu. Sie zeigen mögliche Überflutungsflächen, Wassertiefen und Fließwege und bilden somit die Grundlage für Vorsorge und räumliche Planung.
Für Architektur und Stadtplanung beginnt die eigentliche Arbeit mit der Übersetzung dieser Informationen in räumliche Entscheidungen. Wo kann Wasser zurückgehalten werden? Welche Abflusswege müssen frei bleiben? Welche Nutzungen sind in gefährdeten Bereichen vertretbar? Solche Fragen lassen sich nur begrenzt beantworten, wenn Gebäude, Erschließung und Grundstücksaufteilung bereits feststehen. In bestehenden Quartieren stehen Retentions- und Versickerungsflächen neben vielen anderen Ansprüchen an denselben Raum: Erschließung, technische Infrastruktur, Mobilität, Freiraum und neue Bebauung.
Ausweichen, widerstehen, anpassen.
Auf Gebäudeebene stehen drei grundlegende Strategien zur Verfügung: Ausweichen, Widerstehen und Anpassen. Diese reichen von der Wahl des Standorts und der Höhenlage über die Abdichtung gefährdeter Gebäudeteile bis hin zu Konstruktionen und Nutzungen, die eine zeitweise Überflutung mit möglichst geringen Schäden überstehen.
Gerade die dritte Strategie verändert den Entwurf. So können empfindliche Nutzungen und technische Anlagen aus gefährdeten Bereichen verlagert, Materialien entsprechend ihrer Wasserbeständigkeit gewählt und untere Gebäudebereiche so konzipiert werden, dass sie nach einem Ereignis leichter wiederhergestellt werden können. Bei kritischen Infrastrukturen kommt die Aufrechterhaltung ihrer Funktion hinzu. Dort entscheidet nicht allein der mögliche Schaden am Gebäude, sondern auch die Frage, welche Folgen sein Ausfall für das Umfeld hätte.
KAHR ordnet den hochwasserangepassten Gebäuden deshalb bewusst weitere Maßstabsebenen zu. Der Praxisleitfaden behandelt unter anderem die Themen gesteuerte Siedlungsentwicklung, Rückhaltebecken, Schutzanlagen, Brücken, multifunktionale Flächen und Renaturierung.
Wasser braucht Platz
Dahinter steht eine räumliche Konsequenz. Wasser, das zurückgehalten oder versickert, erreicht Gebäude entweder gar nicht oder nur mit geringer Belastung. Retentionsflächen, entsiegelte Böden und entsprechend gestaltete Freiräume können dazu beitragen, Abflussspitzen zu reduzieren. Dabei lassen sich Flächen im Siedlungsraum mehrfach nutzen und im Starkregenfall temporär für den Wasserrückhalt aktivieren.
Gerade im Bestand sind solche Räume knapp. Zusätzliche Bebauung, Verkehr, technische Infrastruktur, Freiraum und Wasserbewirtschaftung müssen auf begrenzter Fläche zusammengeführt werden. Klimaanpassung wird damit zur Abwägungsaufgabe, lange bevor die konstruktiven Details eines einzelnen Gebäudes festgelegt werden.
Noch grundsätzlicher ist die Standortfrage. KAHR führt die gesteuerte Siedlungsentwicklung als eigenes Handlungsfeld. Die Entscheidung, wo neue Bebauung entsteht und welche Nutzungen aus besonders gefährdeten Bereichen herausgehalten werden, beeinflusst die künftige Schadensanfälligkeit ebenso wie der spätere Objektschutz.
Wiederaufbau ohne alte Verwundbarkeit
Im Ahrtal trifft dieser Anspruch auf bestehende Orte, Eigentumsstrukturen und einen hohen Zeitdruck. Während Wohnungen, Verkehrswege und Infrastruktur wieder funktionieren müssen, benötigen langfristige Entscheidungen über Hochwasserschutz und Siedlungsentwicklung erheblich mehr Zeit.
Genau darin beschreibt KAHR ein Problem des Wiederaufbaus: Er beginnt unmittelbar und parallel auf vielen Ebenen. Früh getroffene Entscheidungen können spätere Möglichkeiten für den Hochwasserschutz und die Verringerung der Verwundbarkeit einschränken. Das Forschungsprojekt stellt dem das Prinzip „Building Back Better“ gegenüber. Der Wiederaufbau soll nicht die gleichen physischen, sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Bedingungen reproduzieren, die sich während der Katastrophe als verwundbar erwiesen haben.
Entsprechend weit geht KAHR in seiner ersten wissenschaftlichen Empfehlung. Der Wiederaufbau soll Ausgangspunkt eines „strategischen Transformationsprozesses“ werden. Dazu gehören eine an das Klima angepasste Raum- und Siedlungsentwicklung sowie ein angepasster Umgang mit Flüssen. Die reine Wiederherstellung der früheren Strukturen reicht dafür nicht aus.
Von der Schadensbeseitigung zur Vorsorge
Fünf Jahre nach der Flut lässt sich die Aufgabe genauer fassen. Gefahren können detaillierter modelliert werden, bauliche Strategien sind bekannt und planerische Instrumente sind vorhanden. Prognos zeigt zugleich, welche Größenordnung allein die Anpassung der Gebäude erreicht. Die entscheidenden Fragen liegen jedoch häufig bereits vor dem Entwurf einzelner Gebäude. Sie betreffen Fließwege und Retentionsräume, Grundstücke und Infrastruktur, Siedlungsentwicklung und Flussräume. KAHR fordert deshalb, Investitionen in Hochwasser- und Klimavorsorge stärker zu priorisieren und den Schwerpunkt von der Schadensbeseitigung zur Vorsorge zu verschieben.
Studien zum Weiterlesen
- „Klimaangepasste Gebäude – Zukunftssicherheit und Wachstumschance für die Bauwirtschaft“, Prognos im Auftrag des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB) und des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB), 2025.
- „Nach der Flutkatastrophe: Chance für Veränderungen – Ein Praxisleitfaden mit Strategien und Beispielen für Kommunen“, Deutsches Institut für Urbanistik (Difu) im Rahmen des Forschungsprojekts KAHR – KlimaAnpassung, Hochwasser und Resilienz, 2025.