„Rehabilitieren statt rekonstruieren“ – Wie der Wiederaufbau in der Ukraine neu gedacht wird

Interview mit Prof. Dr. Philipp Meuser, Architekt und Experte für Schutzarchitektur

Philipp Meuser ist Architekt, Verleger und seit vielen Jahren auf Safety & Security spezialisiert. Durch seine enge Verbindung zur Ukraine – unter anderem durch eine Ehrenprofessur in Charkiw – engagierte er sich nach Kriegsbeginn verstärkt im urbanen Wiederaufbau.

Im Interview erläutert Meuser, wie sein Büro aus der Expertise für Schutzarchitektur in den Wiederaufbau hineingewachsen ist und warum das Projekt bewusst auf Übergangshilfe statt Komplettsanierung setzt. Jeder Eingriff soll spätere energetische Verbesserungen ermöglichen und zugleich Erkenntnisse für den riesigen Bestand industriell gefertigter Wohngebäude liefern. Zugleich schildert er die praktischen Herausforderungen: Fachkräftemangel, hohe Sicherheitsstandards, komplexe Eigentumsverhältnisse – und gleichzeitig eine bemerkenswerte Eigeninitiative der Bewohner*innen.

Deutlich wird: Resilienz ist für Meuser weniger eine technische Formel als eine Haltung. Junge ukrainische Architekt*innen denken selbstverständlich in Kreisläufen, Partizipation und klimagerechtem Bauen. Das Projekt versteht er als Lernlabor für ein skalierbares Handbuch. Seine Vision reicht über die Ukraine hinaus: Der Wiederaufbau bietet die Chance für eine moderne, robuste und sozial tragfähige Baukultur – ein Modell, von dem auch andere Länder profitieren können.

Lächelnder Mann mit kurzen grauen Haaren und Brille, der ein weißes Hemd trägt und vor einem schwarzen Hintergrund steht.
© Meuser Architekten GmbH

Wie kam es dazu, dass aus einer Expertise für Schutzarchitektur ein Wiederaufbauprojekt in der Ukraine wurde?

Philipp Meuser: Unser Büro ist seit über zwanzig Jahren auf das Thema „Safety and Security“ spezialisiert – allerdings bisher vorwiegend mit wenig sichtbaren Projekten, etwa im diplomatischen Kontext. Aus dieser Arbeit heraus haben wir eine Expertise im Umgang mit Zerstörung, Schutz und baulicher Resilienz entwickelt. Seit 2018 habe ich zudem eine Ehrenprofessur an der O. M. Beketow-Universität in Charkiw inne und bin dadurch eng mit der Ukraine verbunden – sowohl fachlich als auch persönlich.

Nach Kriegsbeginn haben wir uns in Netzwerken, die sich mit der Resilienz ukrainischer Städte beschäftigen, verstärkt engagiert – physisch, kulturell, planerisch. Daraus entstand unter anderem das Projekt „Histories of Ukrainian Architecture“. Im Zuge einer GIZ-Ausschreibung zur Stärkung urbaner Resilienz haben wir uns auf ein Pilotprojekt beworben, Gebäude evaluiert und einen Zuschlag erhalten. So entstand das Projekt in Krywyj Rih. Dort arbeiten wir gemeinsam mit lokalen Partnern an einem Plattenbau sowjetischer Bauart, konkret einem Typ aus der Serie 94, mit dem Ziel, das Gebäude intelligent wiederherzustellen, statt es neu zu bauen. Das bedeutet, dass wir die Tragstruktur und die Gebäudehülle sichern. Es geht nicht um eine Komplettsanierung oder ein Design-Statement. Unser Ziel ist es, aus einem beschädigten Standardbau Erkenntnisse für den gesamten ukrainischen Wohnungsbestand zu gewinnen. Denn rund 70 % davon stammen aus der Sowjetzeit und waren bereits vor dem Krieg sanierungsbedürftig.

Was bedeutet das konkret, jenseits der symbolischen Architektur?

Philipp Meuser: Wir sprechen bewusst von Rehabilitierung. Dies ist kein beliebiger Begriff, sondern spiegelt die Förderlogik wider: Es geht um Übergangshilfe und nicht um eine langfristige Transformation. Eine energetische Sanierung ist nicht Teil des Programms, wir denken sie jedoch mit. So werden beispielsweise Fenster so gesetzt, dass sie später in einer gedämmten Fassade korrekt liegen. Jeder Eingriff soll spätere Schritte ermöglichen und nicht blockieren.

Der Begriff „Building Back Better“ ist zwar abgedroschen, aber in der Ukraine wird er gelebt. Man steht täglich vor Entscheidungen: Möchte ich es auf die herkömmliche Weise machen oder anders? In einem früheren Projekt wurde beispielsweise eine Innenwand zur Außenwand. Wir haben Hanf statt WDVS vorgeschlagen, eine Idee, die zwar offen aufgenommen, dann aber durch Baunormen begrenzt wurde. Trotzdem: Es bewegt sich etwas. In einer Stadt wie Krywyj Rih sind gleichzeitig andere Dinge prioritär: Wasser, Strom und Heizung. Klimaschutz, Recycling und Wiederverwertung spielen zwar eine Rolle, stehen aber nicht ganz oben auf der Prioritätenliste.

Welche Herausforderungen prägen den Wiederaufbau – auf und neben der Baustelle?

Philipp Meuser: Material- und Fachkräftemangel sind reale Probleme: Zwei Drittel der Bauleute sind an der Front im Einsatz. Die größte Herausforderung sind jedoch die heutigen Sicherheitsstandards. Auf unseren Baustellen gelten europäische Regeln. Stahlseile auf Dächern zum Anleinen, Disziplin und klare Abläufe waren im postsowjetischen Bauwesen nicht selbstverständlich. Heute ist das Standard. Ein enormer Fortschritt. Doch die Komplexität endet nicht am Bauzaun. Die Eigentumsstrukturen sind kompliziert. Unser Pilotprojekt betrifft beispielsweise 172 Wohnungen in einer Eigentümergemeinschaft. Der Boden gehört der Stadt, die Gebäudehülle den Bewohnerinnen und Bewohnern. Jeder macht irgendetwas: Balkone werden verglasen, Fassaden gedämmt. Das Ergebnis ist eine juristische und gestalterische Patchworklandschaft. Trotzdem zeigt sich auch: Die Menschen handeln. Sie übernehmen Verantwortung. Diese Lebensrealität müssen wir planerisch ernst nehmen.

Was bedeutet Resilienz – in der Architektur und darüber hinaus?

Philipp Meuser: Resilienz ist keine Formel, sondern eine Haltung. In der Ukraine begegnet mir eine junge Generation von Architektinnen und Architekten, die weiterdenkt: Klimafragen, Zirkularität, Recycling, Partizipation. Diese Themen sind dort keine Nebensache, sondern eine Notwendigkeit. Sie entstehen aus der Krise heraus. Der Angriff hat die alte Bauwirtschaft wachgerüttelt. Jetzt entstehen neue Denkweisen. Die internationalen Programme geben nicht einfach Geld, sondern fordern Prozesse: Wie werden Bewohnerinnen und Bewohner einbezogen? Wie wird Bauschutt getrennt? Wie entsteht soziales Lernen? Natürlich sind die Baunormen oft noch nicht so weit. Aber genau da beginnt der Know-how-Transfer. Und genau das verstehen wir unter Resilienz: intellektuelle Widerstandsfähigkeit.

Welche strukturellen Erkenntnisse lassen sich aus dem Projekt für die Zukunft ableiten?

Philipp Meuser: Das Projekt ist ein Mikroskop für das serielle Bauen. Wir lernen: Es kommt nicht auf den Serientyp, sondern auf die Konstruktionsart an – ob Großtafel, Ziegel oder Skelettbau. Großtafelbau bedeutet: verschweißt, nach Trennung der Schweißnaht aber rückbaubar und sozial anspruchsvoll. Denn mittendrin wohnen noch Menschen. Die Haustechnik ist ein eigenes Kapitel: Das alte Einrohrsystem überträgt keine Wärme mehr, sobald ein Segment ausfällt. Wir werden es daher durch ein Zweirohrsystem ersetzen. Das ist keine Designgeste, sondern dient der funktionalen Resilienz.

Niemand weiß, wie man einen kriegszerstörten Plattenbau saniert. Wir lernen durch Tun. All unsere Erfahrungen fließen in ein Handbuch, das skalierbar sein soll – für die Ukraine und darüber hinaus. Denn 70 % des Bestands stammen aus industrieller Fertigung. Jahrzehntelang wurde er ohne Bauunterhalt genutzt. Jetzt ist die Chance zur methodischen Erneuerung. Die Ukraine kann hier Vorreiter werden. Auch, weil die Fragen, die wir dort bearbeiten, uns alle betreffen: Bestand, Klimaanpassung und Ressourcenkonflikte.

Was ist Ihre Vision für den Wiederaufbau in der Ukraine und darüber hinaus?

Philipp Meuser: In fünf Jahren hoffe ich, dass wir nicht mehr über Wiederherstellung, sondern über Transformation sprechen. Die Ukraine hat die Chance, durch gezielte Investitionen moderner zu werden als so mancher EU-Staat. Nicht „trotz des Krieges“, sondern weil daraus etwas Besseres entstehen kann. Teil unseres Auftrags ist ein Handbuch, das Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt zugänglich macht. Es ist kein reines Technikmanual, sondern ein lernendes System. Auch Deutschland kann daraus lernen: Wie gehen wir mit Plattenbauten um? Wie sichern wir Versorgung, Resilienz und Anpassungsfähigkeit? Dabei hilft auch ein Blick in die Geschichte: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch in Deutschland Siedlungen mit geringer Dichte aus Schutzgründen errichtet. Heute stehen wir erneut vor der Frage, wie ein robuster, sozial tragfähiger und klimagerechter Wiederaufbau aussehen könnte. Die Ukraine könnte zum internationalen Labor für resilientes Bauen im 21. Jahrhundert werden.

© Meuser Architekten GmbH
Pilotprojekt Ukrainska 55, Krywyj Rih / Ukraine
In maximaler Qualität herunterladen
© Meuser Architekten GmbH
Pilotprojekt Ukrainska 55, Krywyj Rih / Ukraine
In maximaler Qualität herunterladen
© Meuser Architekten GmbH
Pilotprojekt Birkuna 8, Krywyj Rih / Ukraine
In maximaler Qualität herunterladen
© Meuser Architekten GmbH
Pilotprojekt Birkuna 8, Krywyj Rih / Ukraine
In maximaler Qualität herunterladen
© Meuser Architekten GmbH
Pilotprojekt Birkuna 8, Krywyj Rih / Ukraine
In maximaler Qualität herunterladen
© Meuser Architekten GmbH
Pilotprojekt Birkuna 8, Krywyj Rih / Ukraine
In maximaler Qualität herunterladen
© Meuser Architekten GmbH
Pilotprojekt Birkuna 8, Krywyj Rih / Ukraine
In maximaler Qualität herunterladen

Vita

Dr. Philipp Meuser (geb. 1969) ist Architekt und Hochschullehrer mit Schwerpunkt Modulbau und industrieller Wohnungsbau. Als international anerkannter Experte berät er Politik und Behörden zu Fragen des seriellen Bauens. Mit über 20 Jahren Praxiserfahrung auf diesem Gebiet hat er zahlreiche Projekte im In- und Ausland begleitet. Meusers bauhistorische Untersuchungen und Handbücher tragen maßgeblich zur Erforschung und Bewertung des Denkmalwerts industrieller Wohnungsbauten bei. In der Ukraine ist Meuser derzeit u.a. mit der Rehabilitierung von kriegszerstörten Plattenbauten befasst.

Weitere Informationen:

Zum Seitenanfang