Baustellenaushub wiederverwenden: Earthbound zeigt wie
Zweimal pro Woche hält ein 20-Tonner am ehemaligen Hangar von Air Berlin in der Urban Tech Republic Berlin-Tegel. Er hat Aushub geladen - Erde, die anderswo in der Stadt ausgehoben wurde und sonst einfach nur entsorgt würde. Wie sich Baustellenaushub wiederverwenden lässt, zeigt das Berliner Start-up Earthbound: Es presst daraus tragfähige, ungebrannte Lehmsteine für die industrielle Produktion.
Die Stadt als Rohstoffquelle
Neu ist dabei nicht der Baustoff selbst – Lehm wird seit Jahrhunderten verbaut –, sondern seine Herkunft. Earthbound erschließt keine eigene Lehmgrube, sondern nutzt mineralischen Aushub, wie er auf jeder Baustelle ohnehin anfällt – eine Form von Urban Mining, bei der die Stadt selbst zur Rohstoffquelle wird. Der Grund dafür ist für Co-Founder David Janotta einfach: „Weil es einfach ein Stoffstrom ist, der eine sehr hochwertige Ressource darstellt und ungenutzt bleibt – zu 85 Prozent wird er einfach wieder verfüllt." Allein in Deutschland fallen jährlich rund 120 Millionen Tonnen Aushub an, bei steigenden Entsorgungskosten und schwindenden Deponiekapazitäten. „Neue Gruben aufzumachen wird immer teurer – bei den Genehmigungen, aber auch mit Blick auf die Biodiversität.“
Vom Erdaushub zum tragfähigen Lehmstein
Selbst der sandige, tonarme Berliner Untergrund reicht aus, um tragfähige Steine zu pressen. Lehm setzt sich mineralogisch aus Ton, Schluff, Sand und Kies zusammen – und Berlin gilt mit seinem sandigen Boden als „Sandbüchse Europas“. „Eigentlich brauchen gute Lehmsteine gar nicht so viel Ton, damit sie zu tragfähigen Steinen hydraulisch gepresst werden können“, sagt Janotta. Entscheidend sei stattdessen, die Kornverteilung des jeweiligen Aushubs genau zu kennen und bei Bedarf die Rezeptur entsprechend anzupassen – ein Prinzip, das Earthbound beim Erdaushub Recycling bereits an Referenzprojekten Dänemark, im Senagal und in Boston nachgewiesen hat.
Städtischer Aushub ist nicht sortenrein – je nach Berliner Bezirk unterscheidet sich die Zusammensetzung aus Ton, Schluff, Sand und Kies. Deshalb setzt Earthbound auf ein Formpress- statt ein Strangpressverfahren: „Das Formpressverfahren finden wir interessant, weil es erlaubt, mit einer heterogeneren Ausgangssituation zu arbeiten und daraus tragende Lehmsteine zu produzieren.“
Der ökologische Effekt: Weil die Steine ungebrannt und unstabilisiert bleiben, verursachen sie bis zu 98 Prozent weniger CO₂, als gebrannter Mauerstein oder Kalksandstein – selbst bei einem Transportradius von 400 Kilometern bleiben es noch 85 Prozent weniger.
Pilotmaßstab trotz Zulassung
Der earthbound Lehmstein ist allgemein baurechtlich zugelassen: „Wir brauchen keine Zulassung im Einzelfall. Unser Stein orientiert sich an der DIN-Norm 18940, die tragendes Mauerwerk regelt.“ Die im Jahr 2023 novellierte Norm erlaubt seither auch das mehrgeschossige Bauen bis zur Gebäudeklasse 4 – ein wichtiger Baustein für die Industrialisierungsfähigkeit des Materials und für die Kreislaufwirtschaft im Bau insgesamt. Parallel arbeiten sie als Industriepartner im Forschungsprojekt Bodendreieck mit dem Institut Bauhaus Erde daran, die Druckfestigkeit der Lehmsteine weiter zu erhöhen – mit dem Ziel, künftig schlankere, tragende Wände zu ermöglichen.
Wirtschaftlich steht Earthbound dennoch erst am Anfang der Skalierung. Die Anlage in Tegel ist bewusst als Pilotproduktion angelegt und semiautomatisiert, um die Prozessparameter zu verstehen, bevor ein größerer Skalierungsschritt folgt. Aus rund 5.000 Steinen in vier bis fünf Monaten Laborproduktion wurde inzwischen eine zehnfach höhere Kapazität erreicht. Für ein Einfamilienhaus reicht das aktuelle Monatsvolumen bereits, für eine spürbare Marktdurchdringung sind jedoch deutlich mehr erforderlich: Mittelfristig zielt das Team auf mehrere Millionen Steine pro Jahr ab, was selbst dann erst unter einem Prozent Substitutionsanteil bedeuten würde. Auch die Saisonalität spielt eine Rolle: Im Sommer trocknet ein gepresster Stein rund eine Woche, im Winter bis zu vier Wochen. Das macht Vorproduktion und Lagerhaltung zu einem festen Bestandteil der Planung.
David Janotta sieht den Vorstoß von Earthbound in ein Feld mit etablierten Anbietern wie Kalksandstein oder Ziegel als Teil eines größeren Bildes: „Wir sehen uns eher als Teil der Lösung für eine Krise, die wir als größer wahrnehmen.“ Sichtbarkeit verschafft dem jungen Material auch die Referenzarbeit etablierter Lehmbau-Pioniere wie Martin Rauch oder Roger Boltshauser. Sie versteht sich als Teil eines wachsenden Marktes, in dem unterschiedliche Akteure unterschiedliche Regionen bespielen. Earthbound selbst positioniert sich zunächst in Berlin-Brandenburg mit der Möglichkeit, das Modell später auf andere Standorte zu übertragen.
Der nächste Schritt: mutige Bauherren
Das Team hat sich für die kommenden Monate ein konkretes Ziel gesetzt: Die in der Pilotproduktion verbliebenen Steine sollen an reale Bauprojekte verkauft werden. Ein Launch-Event brachte bereits zahlreiche Architekturbüros und Bauherren zusammen, die Interesse zeigten. Doch gerade im Wohnungsbau ist das wirtschaftliche Umfeld schwierig. „Viele Bauherren handeln nach dem Prinzip: erst sehen, dann glauben“, sagt Janotta. Deshalb braucht es zuerst einzelne mutige Bauherr:innen, die den ersten Schritt mitgehen, wie beim „Klimaturm” der Berliner Hochschule für Technik, einem ersten sichtbaren Referenzprojekt.
„Wir brauchen eben Leute, die sagen: Jetzt baue ich mir damit ein Haus”, so Janotta. Er sieht vor allem im Innenwandbereich großes Potenzial: enorm guter Schallschutz, sehr guter Brandschutz, ein feuchteregulierendes, angenehmes Raumklima für ein Niedrigtemperaturhaus ohne komplizierte Zusatztechnik.
Wächst die Nachfrage weiter, plant Earthbound den nächsten Skalierungsschritt mit rund 500.000 Steinen pro Jahr. Auch das würde noch weit unter einem Prozent Marktsubstitution sein – ein Hinweis darauf, wie viel Potenzial im Markt für Massivbaustoffe tatsächlich steckt. Ob daraus eine Industrie wird, entscheidet sich in den nächsten Jahren – an den Baustellen, nicht im Labor. Laut Earthbound war die Ausgangslage aber selten so günstig: Die Normen sind vorhanden, die Technik ist erprobt und der Rohstoff liegt buchstäblich vor der Haustür.
Über Earthbound
Earthbound verwandelt regionalen Baustellenaushub, Deutschlands größten Abfallstrom, in leistungsfähige, gesunde und preiswerte Baustoffe. An der Schnittstelle von Forschung, Design und Produktion entwickelt das Berliner Start-up regenerative Materialien, die nachhaltiges Bauen in die Breite tragen sollen.
FAQ
Erdreich, das beim Aushub von Baugruben, Kellern oder Leitungen anfällt – meist mineralischer, oft lehmhaltiger Boden.
Weil ihm bislang ein systematischer Markt fehlt: Er gilt rechtlich als Abfall und wird meist einfach in andere Gruben verfüllt.
Durch Qualifizierung des Aushubs, Formpressung zu Lehmsteinen und Orientierung an der DIN-Norm 18940 für tragendes Mauerwerk.
Das Forschungsprojekt Bodendreieck wird von Bauhaus Erde geleitet, in Zusammenarbeit mit Earthbound als Industriepartner. Es untersucht, wie sich Lehmsteine mit besonders hoher Druckfestigkeit aus regionalem Aushub optimieren lassen – über Additive, Prozessdetails und geometrische Form. Gefördert wird das zweijährige Vorhaben über das Pro-FIT-Programm der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe sowie die Investitionsbank Berlin (IBB). Der Projektauftakt fand am 15. Januar 2026 in der Forschungswerkstatt von Bauhaus Erde statt.