Weleda Cradle Campus: Nachhaltig bauen mit Lehm und Holz
Interview mit Nico Santuario, Prokurist und Büroleiter Michelgroup GmbH
Wie sieht Logistik aus, wenn sie visionär statt nur effizient gedacht wird? Das Architekturbüro Michelgroup zeigt mit dem Weleda Cradle Campus, wie ein Gebäude zu einem Statement für eine nachhaltige Zukunft werden kann. Das Projekt wurde 2025 mit dem International Architecture Award® in der Kategorie „Industrial“ ausgezeichnet – eine Würdigung seines ganzheitlichen, innovativen Ansatzes. Im Interview sprechen wir über mutige Bauherren, Lehmstampfer aus ganz Europa und darüber, warum Nachhaltigkeit nicht auf Technik und Energieeinsparung reduziert werden sollte.
Wie hat sich das Projekt vom ursprünglich geplanten Logistikbau zu einem Leuchtturm nachhaltiger Industriearchitektur entwickelt?
Nico Santuario: Ursprünglich war das Projekt als klassischer Logistikbau mit Fokus auf Effizienz und technischer Funktionalität geplant. Ein spezialisierter Logistikplaner begleitete das Projekt. Zunächst wurden wir zur Unterstützung hinzugezogen, doch schnell zeigte sich, dass dieser Ansatz Weleda nicht weit genug ging. Das Unternehmen wollte ein Gebäude, das sichtbar macht, wofür es steht: Für Naturverbundenheit, Verantwortung und den Anspruch, zukunftsfähig zu wirtschaften. Dieser Perspektivwechsel hat das Projekt grundlegend verändert: Aus einem rein funktionalen Bau wurde eine strategische Vision. Es ging darum, ein Gebäude zu schaffen, das nicht nur Prozesse optimiert, sondern auch Haltung zeigt. Der Dreiklang von ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit wurde zum Leitmotiv.
Wir haben Materialien gewählt, die diese Werte verkörpern, vor allem Holz und Stampflehm. 80 Prozent des Geländes wurden renaturiert, die Energie stammt aus Geothermie und Photovoltaik. Der Begriff „Cradle Campus” wurde erst später von der neuen CEO Tina Müller eingeführt, die das Cradle-to-Cradle-Prinzip kommunikativ gestärkt hat. Prinzipien wie Rückbaubarkeit, Materialgesundheit und Kreislauffähigkeit waren von Anfang an in unsere Planung integriert. Unser Ziel war klar: ein Gebäude, das die höchsten Standards der Nachhaltigkeit erfüllt. Ein starker und innovativer Partner war an dieser Stelle das Team von Transsolar. Das DGNB-Zertifikat in Platin war daher der konsequente nächste Schritt. Heute steht der Cradle Campus für eine neue Haltung in der Industriearchitektur und zeigt, was möglich ist, wenn man Nachhaltigkeit nicht als Zusatz, sondern als Ausgangspunkt versteht.
Wie wurde aus der Materialwahl ein architektonisches Statement – und welche Rolle spielte Technik dabei?
Nico Santuario: Wir wollten bewusst mit dem typischen Bild von Logistikbauten brechen. Deshalb setzten wir auf natürliche Materialien wie Holz und Stampflehm. Diese sind nicht nur nachhaltig, sondern haben auch eine sinnliche Qualität. Der Lehm stammte direkt aus der Baugrube, wurde vor Ort aufbereitet und wieder verbaut – gelebte Kreislauffähigkeit eben. Natürlich war das nicht der einfache Weg. Es gab viele technische und formale Hürden, besonders beim Lehmbau. Wir mussten eine Einzelzulassung beantragen, Prüfungen durchführen und viele Bedenken ausräumen. Aber genau das war unser Anspruch: zu zeigen, dass Low-Tech-Lösungen in komplexen Umgebungen wie der Industrie funktionieren, wenn man sie intelligent einsetzt. Im Hochregallager kommt fast keine klassische Haustechnik zum Einsatz: Es gibt weder Lüftung noch Befeuchtung, denn Lehm und Holz regulieren das Klima auf natürliche Weise. Dass selbst die Arzneimittelzulassung mit diesem Konzept möglich war, hat uns darin bestärkt. Wir wollten jedoch nicht nur funktional, sondern auch atmosphärisch überzeugen: mit Tageslicht, Aufenthaltsqualität und einem gesunden Innenraumklima.
Auch im Planungsprozess selbst spiegelte sich diese Haltung wider. Gemeinsam mit Weleda haben wir verschiedene Szenarien erarbeitet – von pragmatisch bis ambitioniert. Dass sich das Unternehmen in vielen Fällen für die mutigere Variante entschieden hat, war nicht selbstverständlich. Dies zeigt, dass Nachhaltigkeit und architektonische Qualität kein Gegensatz sind, sondern sich gegenseitig verstärken können.
Wo lagen die größten Hürden bei Planung und Umsetzung?
Nico Santuario: Die größte Herausforderung war sicherlich der Lehmbau. Da es keine Norm gab, brauchten wir eine Einzelzulassung. Die Mischung wurde in Berlin getestet, die Ausführung erfolgte per Hand durch ein internationales Team von über 100 Personen. Unser 68-jähriger Lehmbauer, der eigentlich Zimmermann ist, hat europaweit zur Mitarbeit aufgerufen. Viele sind gekommen, weil sie Teil von etwas Besonderem sein wollten. Sie haben vor Ort gelebt, gearbeitet und gemeinsam gebaut. Auch organisatorisch war das außergewöhnlich. Und es ging weit über den Lehmbau hinaus: Beim Holzbau etwa standen wir vor komplexen Brandschutzanforderungen. Viele Lösungen mussten wir gemeinsam mit Fachplanern neu denken. Aber genau das zeichnet solche Projekte aus: nicht das Reproduzieren von Standards, sondern das aktive Gestalten von Innovation.
Welche Wirkung entfaltet der Cradle Campus – nach innen wie nach außen?
Nico Santuario: Die Rückmeldungen sind sehr positiv, insbesondere von den Menschen, die dort täglich arbeiten. Die Räume sind hell und freundlich und bieten einen Blick ins Grüne. Weleda hat die Mitarbeitenden bei der Gestaltung, etwa bei der Auswahl der Farben und Materialien, einbezogen. Das schafft Identifikation und Stolz. Und natürlich sendet der Bau auch ein klares Signal nach außen: Ein Logistikzentrum kann mehr sein als reine Funktion – es kann Qualität ausstrahlen, Haltung zeigen und architektonisch ambitioniert sein. Die vielfachen Auszeichnungen bestätigen dies und machen deutlich, dass sich Nachhaltigkeit und Ästhetik keineswegs ausschließen.
Welche Weichenstellungen für die Baupraxis von morgen lassen sich aus dem Projekt ableiten?
Nico Santuario: Das Projekt zeigt, dass es möglich ist, anders zu bauen – ökologisch, gestalterisch und sozial. Dafür braucht es jedoch Haltung, Mut und Partner, die mitziehen. Weleda hat nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich gedacht – das war entscheidend. Für die Architektur bedeutet das: Unsere Rolle verändert sich. Wir benötigen mehr als nur Fachwissen, wir müssen auch in der Lage sein, Prozesse zu verstehen, komplexe Themen zu vermitteln und Bauherren für neue Wege zu gewinnen. Es reicht nicht mehr aus, funktionale Standards abzuarbeiten. Wir müssen überzeugen – mit Qualität, mit Argumenten, mit Sinn.
Hintergrundinformationen
Projektdaten
- Auftraggeber: Weleda AG Arlesheim, Schweiz vertreten durch Weleda Immobilien GmbH
- Architektur: Michelgroup
- Nachhaltigkeitsstrategie: in Zusammenarbeit mit Transsolar Energietechnik GmbH
Über Weleda
Die Weleda AG mit Hauptsitz in Arlesheim bei Basel ist weltweit führend in der Herstellung von zertifizierter Naturkosmetik und anthroposophischen Arzneimitteln. Als B Corp-zertifiziertes Unternehmen engagiert sich Weleda mit rund 2.500 Mitarbeitenden in über 50 Ländern für biologische Vielfalt, gesunde Böden und eine ganzheitlich nachhaltige Wirtschaftsweise.
Über Michelgroup
Michelgroup ist ein international tätiges Büro für Architektur, Stadtplanung, Innenarchitektur und strategische Gestaltung mit Standorten in Deutschland und der Schweiz. Das interdisziplinäre Team entwickelt kontextspezifische Konzepte für lebenswerte Räume und begleitet Projekte unabhängig von Größe oder Komplexität durch alle Phasen der Planung und Umsetzung.