Klimaresilienz: Platz schaffen für eine kühlere Stadt

 Luftaufnahme von Bäumen an einer Straße in einer Stadt

Dichte Bebauung, versiegelte Flächen und fehlender Schatten verschärfen die Hitze in Städten. Doch Platz für Bäume, Wasser und Entsiegelung ist knapp. Klimaanpassung wird zur Umbauaufgabe.

Blick über die Dächer von Paris und den Eiffelturm
© Margarida Louro / unsplash

Die Stadt im Hitzestress: Anpassung beginnt im Bestand

Ende Juni 2026 erreichte die Hitze in Deutschland eine neue Dimension. An 467 von 488 Messstationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wurden neue Allzeit- oder Monatsrekorde der Höchsttemperatur registriert. Der DWD spricht von einer „Zäsur für die Klimaanpassung in Deutschland”.

Mit den Folgen steigender Temperaturen für Architektur und Stadtplanung beschäftigt sich derzeit auch das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main. Die bis Februar 2027 laufende Ausstellung „Too Hot: Heiße Städte, neue Wege“ versammelt Projekte aus europäischen Städten. Paris begrünt Dächer und Straßen, Kopenhagen verbindet Regenwassermanagement mit Stadtentwicklung, Barcelona baut Straßenräume um und Łódź verknüpft Flussrenaturierung mit neuen Grünräumen. Alle Projekte setzen am Bestand an – an Gebäuden, Straßen, Freiräumen und vorhandener Infrastruktur.

Kühlen braucht Fläche

Bäume verschatten Straßen und Plätze und kühlen durch Verdunstung. Entsiegelte Böden nehmen Wasser auf, Grünzüge unterstützen die Kaltluftversorgung und Dach- sowie Fassadenbegrünungen wirken sich positiv auf das Klima am Gebäude aus. In der Publikation „Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel“ wird anhand kommunaler Projekte die Kombination dieser Maßnahmen im Bestand dokumentiert. Dabei werden Verschattung, Verdunstung, Entsiegelung und Regenwasserrückhalt räumlich miteinander verknüpft.

In dichten Quartieren wird dafür Platz benötigt, der jedoch meist bereits anderweitig genutzt wird. Ein Baum benötigt oberirdisch Raum für seine Krone und unterirdisch durchwurzelbaren Boden, in dem jedoch oft Leitungen und Kanäle verlaufen. Entsiegelung betrifft Verkehrs- und Stellplatzflächen. Neue Grünräume konkurrieren mit Nachverdichtung, Mobilität und anderen Ansprüchen an den öffentlichen Raum.

Das Forschungsprojekt „Green Urban Labs II“ untersucht diesen Flächenkonflikt in sechs Modellvorhaben. Neben bestehenden Grünräumen geraten dabei auch Verkehrsflächen, Gewerbegebiete oder Friedhöfe in den Blick. Nachverdichtung, Grünflächen, wassersensible Stadtentwicklung, Biodiversität und weitere Nutzungen konkurrieren um den begrenzten Raum. Multifunktionalität und Multicodierung werden so zu wichtigen Planungsansätzen. Die Publikation verweist zugleich auf die widersprüchlichen Ansprüche und den hohen Nutzungsdruck bestehender Grünräume. Unterschiedliche Interessen müssen daher bereits in einer frühen Phase des Planungsprozesses gegeneinander abgewogen werden.

Paris, begrünte Dächer
© Pedro Correia / unsplash
 Luftaufnahme von Bäumen an einer Straße in einer Stadt
© unsplash

Paris: Wer bekommt den Straßenraum?

Die Stadt ordnet dafür den öffentlichen Raum neu. Verkehrsflächen werden reduziert, Straßen und Schulhöfe werden begrünt, Flächen werden entsiegelt und es werden neue Baumstandorte geschaffen. Für die Begrünung von weiteren 500 Straßen sollen rund 10.000 Stellplätze entfallen. Der Platz für Bäume und Schatten entsteht dabei auf Flächen, die bislang vor allem dem Verkehr vorbehalten waren.

Eine andere Herausforderung sind die charakteristischen Pariser Zinkdächer. Sie prägen das historische Stadtbild, heizen sich im Sommer jedoch stark auf. Das in der DAM-Ausstellung gezeigte Projekt "Roofscapes" setzt eine leichte Holzkonstruktion auf bestehende Dächer, schafft bepflanzte und nutzbare Flächen und speichert Regenwasser. Beim Pilotprojekt auf der Académie du Climat sank die Innentemperatur im Hochsommer um bis zu 17 Grad Celsius, wie die Ausstellung berichtet.

In historischen Stadträumen kommt der Denkmalschutz hinzu. Zusätzliche Bäume und Verschattung verändern dort Raumwirkungen, Sichtachsen und Fassadenbilder. Aktuell wird dieser Konflikt an der Münchner Ludwigstraße verhandelt. Der Siegerentwurf für den klassizistischen Boulevard sieht bis zu 300 zusätzliche Bäume, weniger Fahrspuren und neue Schattenbereiche vor. Umstritten ist vor allem, welche Auswirkungen die Begrünung auf die historischen Fassadenfolgen und Sichtbeziehungen haben wird.

Der Konflikt reicht über München hinaus. In vielen europäischen Stadtzentren geht eine hohe bauliche Dichte und starke Nutzung mit einem historisch geschützten Stadtbild einher. Zusätzliche Verschattung und Begrünung greifen dort in bestehende räumliche Strukturen ein.

Kopenhagen: Mehr Funktionen auf derselben Fläche

Die Stadt Kopenhagen überträgt das Prinzip der Multicodierung auf die städtische Infrastruktur. Ausgangspunkt ist die Starkregenvorsorge, doch die umgebauten Flächen übernehmen weitere klimatische und städtische Funktionen. Nach schweren Starkregenereignissen hat die Stadt mit dem „Skybrudsplan” ein System aus mehr als 300 Einzelprojekten entwickelt. Parks und Plätze halten Regenwasser zurück, während Straßen der gezielten Wasserführung dienen. Außerhalb von Starkregenereignissen werden diese Flächen als Grün-, Sport- und Aufenthaltsräume genutzt. Vegetation und Verdunstung verbessern zusätzlich das Mikroklima.

Im Sankt-Kjelds-Quartier reicht dieses Prinzip sogar bis in bestehende Wohnblöcke hinein. Die Innenhöfe von 13 Gebäuden wurden zu einem gemeinsamen Regenwassersystem verbunden. Eine abgesenkte Rinne sammelt das Wasser, von dem Teile als Grauwasser genutzt werden. Stellplätze wichen Grünflächen und die Gebäude wurden energetisch saniert.

Menschen nutzen die grünen Regenwassersysteme als Ort der Erholung
© unsplash
Eine Gartenstraße führt zwischen den Wohnhäusern hindurch
© Qimby

Antwerpen: Die Straße als Klimaraum

In Antwerpen setzt man mit den „Tuinstraten“ (wörtlich „Gartenstraßen“) bei bestehenden Wohnstraßen an. Versiegelte Flächen werden reduziert und begrünt, Regenwasser wird möglichst vor Ort aufgenommen. Verkehrs- und Stellplatzflächen werden dafür neu geordnet. Mobilität, Wassermanagement und Aufenthalt teilen sich denselben Straßenraum.

Die Gartenstraßen folgen keinem einheitlichen Schema. Straßenquerschnitt, Bebauung und Nutzung bestimmen, welche Eingriffe möglich sind. Eine Multicodierung wird hier nicht als zusätzliches Element geplant, sondern über die Neuordnung des vorhandenen Straßenraums erreicht.

Mehrfachnutzung hat Grenzen

Multicodierung schafft keine zusätzliche Fläche. Das Projekt „Green Urban Labs II” weist auf teilweise widersprüchliche Anforderungen und den hohen Nutzungsdruck bestehender Grün- und Freiräume hin. Ein Baum benötigt dauerhaft Boden und Wasser, Retentionsräume müssen im Starkregenfall verfügbar sein und Rettungswege müssen zugänglich bleiben. Mit jeder zusätzlichen Funktion steigen die Anforderungen an Abstimmung, Betrieb und Pflege. 

Mehr Funktionen ergeben noch keinen guten öffentlichen Raum. Die Gestaltung und die Angemessenheit für den jeweiligen Ort dürfen nicht hinter den funktionalen Anforderungen zurücktreten. Werden zusätzliche Ansprüche lediglich nebeneinandergestellt, kann aus Multicodierung Übercodierung werden. Genau vor dieser Entwicklung warnt die fachliche Diskussion um multicodierte Freiräume.

Die größere Aufgabe beginnt außerhalb der Pilotprojekte. Klimaanpassung muss in die laufende Erneuerung von Straßen, Plätzen, Gebäuden und technischer Infrastruktur einfließen. Nicht jeder Ort bietet dafür dieselben Möglichkeiten. Leitungsbestand, Verkehrsanforderungen, Baumbestand oder Denkmalschutz setzen jeweils andere Bedingungen. Entscheidend ist deshalb der Zeitpunkt der Planung. Werden Klimaanpassung und Mehrfachnutzung erst nachträglich ergänzt, sind Flächen und Funktionen meist bereits festgelegt. Werden Klimaanpassung und Mehrfachnutzung hingegen Teil regulärer Umbau- und Sanierungsprozesse, können Straßenräume, Freiflächen und Gebäude von Beginn an anders organisiert werden.

Mehr zum Thema

Studien

Ausstellung

  • „Too Hot: Heiße Städte, neue Wege“, Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main, bis Februar 2027. Die Ausstellung zeigt anhand internationaler Projekte, wie Architektur, Freiraum- und Stadtplanung auf Hitze, Starkregen und weitere Folgen des Klimawandels reagieren.

Rocafort Square, Barcelona
© DAM
Rocafort Square, Barcelona
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